Warum folgen unsere Beziehungen unsichtbaren Regeln?

Psychologie

All unsere Beziehungen, sei es mit unserer Familie, mit Freunden oder natürlich auch in unserer Partnerschaft erscheinen uns oft wie spontane, emotionsgeleitete Verbindungen. Doch wer genau hinschaut, merkt schnell, dass unsere Beziehungen in Wirklichkeit selten chaotisch oder zufällig zu verlaufen. Sie folgen immer bestimmten Mustern und Dynamiken, die auf tief verankerten, oft unsichtbaren Regeln basieren. Meist können wir schon im Vorfeld sagen wie sich Treffen, oder bestimmte Gespräche gestalte werden und welche Dynamik diesen zugrunde liegt. Oftmals beeinflusst aber auch genau diese Vorahnung eine Gespräch oder Familientreffen schon im Vorfeld.
Vielleicht hast du dich selbst auch schon einmal gefragt, warum du in Beziehungen zu bestimmten Personen immer wieder ähnliche Konflikte erlebst. Und warum bestimmte Menschen dich positiv anziehen, während du andere meidest. Oder warum sich manche Beziehungen leicht und harmonisch anfühlen, während andere von Spannungen geprägt sind und du diesen Personen am liebsten nur ausweichen möchtest. 
Die Antwort auf all diese Überlegungen liegt in unseren tief verankerten uns selbst meist unbewussten psychologischen Mechanismen, die unser Verhalten steuern.
Doch was genau sind diese eigentlich unsichtbare Regeln? Woher kommen sie, und wie beeinflussen sie unsere Beziehungen und unser Leben? Und vor allem: Können wir sie vielleicht doch erkennen und sogar bewusst verändern? In diesem Artikel werden wir diesen Fragen jetzt gemeinsame auf den Grund gehen.

Was sind die „unsichtbaren Regeln“ in Beziehungen?

Unsichtbare Regeln in Beziehungen sind immer psychologische Muster, die unser Verhalten ebenso wie unsere Erwartungen steuern. Sie entstehen durch verschiedene Faktoren:

  1. Frühkindliche Erfahrungen: So wie wir in der Kindheit Beziehungen erlebt haben, formt sich unser Beziehungsverhalten. Haben unsere Eltern beispielsweise eine wertschätzende schöne gemeinsame Beziehung gehabt und sind wir in einem geborgenen Umfeld aufgewachsen oder haben sich unsere Eltern oft gestritten oder sogar scheiden lassen?
  2. Gesellschaftliche Normen: Wir wachsen mit ganz bestimmten Vorstellungen darüber auf, wie Beziehungen „sein sollten“. Erleben wir als Kinder die Beziehungen von Erwachsenen in unserem Umfeld als liebevoll, oder eher als gestresst und verletzend?
  3. Unbewusste Glaubenssätze: Unsere tief verankerten in der Kindheit erlernten eigenen Überzeugungen über Liebe, Nähe und Vertrauen beeinflussen später unsere eigenen Beziehungen.
  4. Dynamiken zwischen zwei Menschen: Beziehungen sind immer auch ein bisschen wie ein Tanz. Jeder Partner bringt seinen eigenen Rhythmus und seinen eigenen Stil mit, und daraus entsteht ein neues gemeinsames Muster. Dabei kann man beobachten, dass es Paare gibt, die gleich eine schöne und schwungvolle gemeinsame Dynamik haben und andere die sich von Anfang an gegenseitig auf die Füße steigen aber trotzdem gemeinsam weitertanzen, weil sie schon früh in ihrem Leben die Überzeugung gewonnen haben, dass das nun mal eben so sein muss und, dass es sozusagen dazugehört sich gegenseitig auf die Füße zu steigen. So war das auch schon bei den eigenen Eltern und die sind immerhin schon seit 30 Jahren verheiratet…

Diesen, unseren jeweils individuellen, Regeln folgen wir meist ganz unbewusst. Wie von alleine. Doch wenn wir beginnen sie verstehen, können wir unsere Beziehungen doch noch bewusster gestalten.

Welche unsichtbaren Regeln steuern unsere Beziehungen?

Das Gesetz der Gegenseitigkeit: Wir geben, um zu bekommen
Eine der grundlegendsten Regeln in zwischenmenschlichen Beziehungen ist die Reziprozität - also das Prinzip der Gegenseitigkeit. Wenn jemand freundlich zu uns ist, fühlen wir uns irgendwie verpflichtet, diese Freundlichkeit zu erwidern. Und wenn uns jemand verletzt, verspüren wir den Drang, uns zu distanzieren oder uns zu wehren.
Dieses Prinzip funktioniert in positiven und negativen Beziehungen gleichermaßen:

  • Gesunde Beziehungen beruhen dabei immer auf einem ausgewogenen Prinzip aus Geben und Nehmen. Wenn sich beide Partner gegenseitig wertgeschätzt und gehört fühlen, bleibt die Beziehung stabil.
  • Ungesunde Beziehungen entstehen, wenn eine Person immer gibt und die andere immer nur nimmt. Wenn jemand also das Gefühl hat, immer für den anderen da sein zu müssen, ohne dabei aber selbst Unterstützung zu bekommen, kann dies mit der Zeit zu einer Frustration und emotionalen Erschöpfung führen.

Ein Beispiel:
Anna und David sind die allerbesten Freunde. Anna unterstützt David immer, wenn er Probleme hat und ist für ihn da, doch wenn sie selbst einmal Hilfe braucht, ist David selten verfügbar. Anfangs nimmt Anna das noch so hin, doch mit der Zeit fühlt sie sich von David ausgenutzt. Die von Anna empfundene unausgesprochene Regel im Hintergrund der beiden lautet nun „Ich muss immer für dich da sein, aber du bist nicht für mich da, wenn ich dich auch einmal brauchen würde“ und belastet so unsichtbar die Freundschaft. David weiß aus seiner Wahrnehmung heraus nicht, warum Anna in der gemeinsamen Freundschaft immer unzufriedener reagiert, und beginnt sich trotzig zurückzuziehen.

Das eigene Bindungsmuster bestimmt die Nähe-Distanz-Dynamik

Wie viel Nähe oder Autonomie wir in Beziehungen brauchen, ist auch kein Zufall. Dieses Verhalten wurde bereits sehr früh durch unsere eigene jeweils individuelle Bindungserfahrungen geprägt. Menschen mit einem sicheren Bindungsstil fühlen sich wohl mit Nähe und Unabhängigkeit zugleich. Sie mögen die Gemeinsamkeit können aber auch sehr gut alleine sein. Unsicher gebundene Menschen neigen hingegen dazu, immer nach bestimmten Mustern zu handeln:

  • Ängstlich gebundene Menschen suchen meist ganz besonders viel Nähe. Aus der bereits als Kind erlernten Angst heraus, verlassen zu werden.
  • Vermeidend gebundene Menschen halten hingegen immer sehr viel emotionalen Abstand, weil sie Angst haben, sonst vereinnahmt zu werden.

Genau diese Muster erschaffen die für uns unsichtbaren Regeln in unseren Beziehungen, die eigentlich einen absoluten Widerspruch in sich darstellen, aber trotzdem immer wieder zu beobachten sind. Wer selbst klammert, zieht meist distanzierte Partner an und umgekehrt.
Ein Beispiel:
Lisa sucht ständig Bestätigung von ihrem Partner Tom. Sie schreibt ihm viele Nachrichten und wird immer gleich unsicher, wenn er sich nicht sofort zurückmeldet. Tom hingegen fühlt sich durch Lisas ständige Nähe und all die Nachrichten bedrängt und zieht sich immer mehr zurück. Dadurch verstärkt sich nun aber ihr jeweiliges Muster: Lisa sucht getrieben von ihrer unbewussten großen Angst verlassen zu werden immer noch mehr Nähe was dazu führt, dass Tom, ob seiner großen unbewussten Angst vereinnahmt zu werden, immer noch weiter distanziert.
Solche Dynamiken wiederholen sich dann in der Regel sehr oft, was zu sehr vielen gegenseitigen Verletzungen führen kann. Bis sich einer der beiden Partner dann doch seiner eigenen Bindungsmuster bewusst wird und beginnt aus dieser negativen Beziehungsdynamik auszusteigen und aktiv neue Wege zu gehen.

Die unausgesprochenen Rollen in Beziehungen

Jede Beziehung hat im Hintergrund immer eine versteckte Rollenverteilung. Manchmal übernimmt eine Person die Rolle des „Versorgers“, während die andere sich eher führen und versorgen lässt. In manchen Beziehungen gibt es auch von Beginn an ganz klare unausgesprochene Verantwortlichkeiten. Einer der beiden ist der „Macher“, der andere die „emotionale Stütze“.
Diese Rollen sind grundsätzlich auch gar nicht schlecht. Problematisch wird es immer erst, wenn sie zur starren Regel werden und die gesamte Dynamik der Beziehung bestimmen.
Ein Beispiel:
Markus und Julia sind schon lange ein Paar. Julia übernimmt in der Beziehung von Anfang an immer die emotionale Arbeit für beide. Sie ist diejenige, die jeden Streit liebevoll deeskaliert, sich um die gemeinsamen Termine kümmert und dafür sorgt, dass Markus sich verstanden und liebevoll betreut fühlt. Markus hingegen verlässt sich schon immer darauf, dass Julia alles regelt und sich um alles kümmert. Auch um die Dinge, die eigentlich nur ihn betreffen und für die er auch selbst die Verantwortung übernehmen könnte.
Dieses unausgesprochene Muster zwischen den beiden führt mit der Zeit nun aber dazu, dass Julia sich irgendwann überfordert fühlt und den Eindruck gewinnt, in der auf emotionaler Ebene Beziehung ganz alleine und einsam zu sein und niemanden zu haben der auch auf ihre Bedürfnisse achtet.
Basierend auf diesem Beispiel zeigt sich sehr gut, dass es in Beziehungen von größter Bedeutung ist, dass sich beide Partner bewusst machen müssen, welche Rolle sie jeweils eingenommen haben. Und ob diese Dynamik für beide Seiten fair ist und sich beide Partner gleich wohl fühlen in der Beziehung oder ob es mit der Zeit vielmehr zu einem emotionalen Ungleichgewicht kommt, das mit der Zeit die gesamte Beziehung sogar gefährden kann.

Die Wiederholung unbewusster Beziehungsmuster

Viele Menschen merken sogar irgendwann, dass sie in ihren Beziehungen immer wieder ähnliche Probleme erleben. Und das auch mit ganz unterschiedlichen Partnern. Irgendwann kommen wieder Probleme im Zusammenleben auf, die sie früher schon einmal sehr ähnlich in einer Partnerschaft erlebt hatten. Das liegt daran, dass unser Gehirn dazu neigt, bekannte Muster immer wieder zu wiederholen. Selbst, wenn wir wissen, dass uns diese nicht guttun, biegt unser Gehirn wie automatisiert sozusagen immer wieder in die Richtung dieses unbewusst verankerten Musters ab.
In der Psychologie nennen wir das das „Reinszenierungsprinzip“. Was so viel bedeutet wie, dass unser Unterbewusstsein versucht, unsere bis dato ungelösten Konflikte aus unserer Kindheit in unseren heutigen Beziehungen zu bearbeiten.
Ein Beispiel:
Sophie hatte einen emotional sehr distanzierten Vater. In ihrer Kindheit hat sie deshalb gelernt, sich immer anstrengen zu müssen, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Heute, als Erwachsene, zieht sie immer wieder Partner an und interessiert sich für Männer, die sich ihr gegenüber ebenfalls distanziert verhalten und hofft dabei auf einer ihr selbst unbewussten Ebene, dass sie diesmal die Liebe und Anerkennung bekommt, die ihr früher fehlte. Und die sie sich bis heute so sehr wünscht. Früher von ihrem Vater und heute von ihrem Partner.

Wenn du lernst deine Muster selbst zu erkennen, ist das der erste Schritt, um aus deinen alten Dynamiken auszubrechen

Wie können wir uns von unseren unsichtbaren Regeln lösen?

  • Beginne damit deine eigenen Muster zu beobachten: Welche Regeln wiederholen sich in deinen Beziehungen? Gibt es vielleicht auch Dynamiken und Muster, die sich immer wieder zeigen und wiederholen?
  • Hinterfrage deine eigenen Glaubenssätze: Welche Überzeugungen hast du über Beziehungen? Woche über deine eigene Rolle in Beziehungen? Glaubst du zum Beispiel, dass du dich deinem Partner gegenüber ständig wieder „beweisen“ musst, um geliebt zu werden?
  • Kommuniziere immer bewusst: Oft sind unsichtbare Regeln in einer Beziehung das Ergebnis von unausgesprochenen Erwartungen. Sprich ganz offen über deine Bedürfnisse und auch über Grenzen.
  • Verändere kleine Dinge sehr bewusst: Manchmal reicht es schon, anders auf eine Situation zu reagieren, als du es bisher gewohnt bist. Wenn du sonst immer nachgibst, probiere doch einmal aus, deine eigenen Bedürfnisse klarer zu äußern und von deinem Partner auch einmal liebevoll einzufordern auch auf deine Bedürfnisse zu achten und diese ernst zu nehmen.
  • Hole dir gegebenenfalls auch eine psychologische Unterstützung: Manche Muster sind sehr tief in uns verankert. Zu tief, um sie ganz alleine aufzulösen. Eine Therapie oder ein Coaching kann dir dabei helfen, diese Muster zu durchbrechen und eigene neue Wege zu finden.

Unsere Beziehungen sind formbar, wenn wir die unsichtbaren Regeln dahinter erst einmal erkennen

Unsere Beziehungen folgen meist bestimmten Mustern, die wir selbst gar nicht bewusst wahrnehmen. Sie entstehen aus unseren frühkindlichen Erfahrungen, den gesellschaftlichen Erwartungen, mit denen wir groß geworden sind und aus unseren unbewussten Glaubenssätzen, die wir als Kinder erlernt haben. All diese unsichtbaren Regeln können uns später auch als Erwachsene noch immer helfen, unsere Beziehungen zu stabilisieren. Weil wir gelernt haben sie so zu nutzen und einzusetzen, dass wir uns dadurch selbst beschützen können. Sie können jedoch auch dazu führen, dass wir uns wie gefangen fühlen, aber nicht wissen, wie wir aus dieser Gefangenschaft ausbrechen können. Weil wir genau das noch nicht gelernt haben.
Der Schlüssel zu einer erfüllten Beziehung liegt dabei darin, dass wir unsere eigenen Muster erkennen und lernen diese bewusst zu hinterfragen. Denn sobald wir verstehen, welche zugrundeliegenden Regeln unser individuelles Verhalten bestimmen und beeinflussen, können wir beginnen, neue, gesündere Wege zu gehen. In unserer Partnerschaft, unseren Freundschaften und in allen zwischenmenschlichen Beziehungen, die wir führen.