Wenn wir als Kinder oder später im Leben schon einmal eine Situation erlebt haben, die uns emotional oder physisch komplett überfordert hat, entwickeln wir von diesem Moment an unbewusst verinnerlichte Schutzstrategien, um mit so einer Situation beim nächsten Mal besser umgehen zu können. In unserem Gehirn entsteht also eine Art Schutz-Notfallplan, auf den unser Gehirn sofort zurückgreift, wenn es wieder eine Gefahr erkennt. Ohne die Gefahr erst einmal zu analysieren, greift es im ersten Schritt sofort auf dieses abgespeicherte Schutzprogramm zurück. Diese Schutz-Muster, die meist schon in unserer Kindheit entstanden sind, begleiten uns dann meistens bis ins Erwachsenenalter und beeinflussen unser Leben lang, wie wir auch später in Konflikten, oder unter Stress reagieren.
Die drei bekanntesten Schutzstrategien sind dabei Kampf, Flucht und Erstarrung. In diesem Artikel werden wir uns diese Überlebensmechanismen jetzt gemeinsam genauer anschauen um zu verstehen, wie sie sich auch in unserem Alltag äußern können und wie wir lernen können fortan liebevoll mit diesen Mustern umgehen können, die wir einst ja auch erlernt haben, um uns auf emotionaler Ebene selbst zu beschützen. Seitdem damaligen Moment, indem wir dachten, dass diese Strategie die einzige ist, um auf uns selbst aufpassen zu können, aber nie mehr darüber nachgedacht haben, dass wir heute im Erwachsenenalter im Prinzip ja auch schon völlig andere Selbstschutz-Strategien zur Verfügung hätten als damals als Kind. Uns das aber nicht bewusst ist, weil wir unreflektiert immer noch so reagieren wie es unser Gehirn in unserer Kindheit abgespeichert hat.
Warum entwickeln wir überhaupt Schutzstrategien?
Unser Gehirn ist sozusagen darauf programmiert, uns vor Gefahren zu schützen. Dieser tief in uns verankerte automatische Schutzmechanismus stammt schon aus unserer evolutionären Vergangenheit. In einer für uns bedrohlichen Situation schaltet unser Nervensystem demnach auch heute noch sofort automatisch in den Überlebensmodus.
Doch nicht nur physische Gefahren lösen diesen Reflex in uns aus. Auch emotionale Bedrohungen aus dem Außen wie beispielsweise Zurückweisungen, Kritik oder zwischenmenschliche Konflikte können unser Nervensystem diesbezüglich sofort aktivieren. Besonders immer dann, wenn wir in der Vergangenheit schon einmal emotionale Verletzungen erlebt haben, reagieren darauf wir ab diesem ersten Moment oft noch viel schneller und intensiver.
Ob wir in stressigen Situationen dann intuitiv kämpfen, flüchten oder erstarren, hängt von vielen Faktoren ab. Insbesondere aber von unseren schon früh erlernten Prägungen, unseren individuellen Erfahrungen und natürlich auch von unserer individuellen Persönlichkeit.
Sehen wir uns die drei häufigsten Schutzstrategien einmal genauer an
1. Die Kampf-Strategie - Angriff als Schutz
Die Kampf-Reaktion ist ein Instinkt, der uns antreibt, uns sofort aktiv gegen eine Bedrohung zu wehren. Die von uns, die diesen Schutzmechanismus in sich verinnerlicht haben, reagieren dann häufig mit Wut, Konfrontation oder einem ausgeprägten Kontrollverhalten, sobald sie sich bedroht fühlen. Selbst dann, wenn die Situation objektiv betrachtet, gar nicht tatsächlich gefährlich ist.
Ein Beispiel:
Lisa arbeitet in einem großen Unternehmen und gibt immer ihr Bestes. Eines Tages bekommt sie von ihrem Chef eine konstruktive Kritik zu einem ihrer Projekte. Obwohl der Ton des Chefs sehr freundlich ist und er seine Rückmeldung auch basierend auf praktischen Beispielen formuliert, fühlt sich Lisa dennoch sofort persönlich angegriffen. In ihr geht unmittelbar eine Art innerer Alarm an, und sie fährt intuitiv ihre erlernte Schutzstrategie hoch. „Das ist so unfair!“, sagt sie laut, geht in die Defensive und verteidigt sich selbst vehement. In ihrem Inneren fühlt sie sich dabei zutiefst verletzt, aber nach außen zeigt sie ihre für solche emotionale „Gefahren-Situationen“ schon als Kind erlernte Stärke. Die Tatsache diese Strategie schon als Kind erlernt zu haben zeigt auch ihre Art und Weise der Kommunikation, die auch eher kindlich verletzt, als Erwachsen reflektiert klingt.
Menschen mit einer solch erlernten Kampf-Strategie haben sich oftmals schon in ihrer Kindheit behaupten müssen, um sich in ihrer Umgebung sicher zu fühlen. Vielleicht waren ihre früheren Bezugspersonen in ihrer früheren Wahrnehmung auch unberechenbar oder sehr streng, sodass sie schon bald lernten, sich nur durch Widerstand und Abwehr selbst beschützen zu können.
Wie sich die Kampf-Strategie äußern kann:
- Wut oder Ärger als sofortige erste Reaktion auf Stress
- Der große verinnerlichte Drang, sich immer sofort zu verteidigen, auch wenn gar keine echte Bedrohung besteht
- Dominantes oder auch sehr kontrollierendes Verhalten in Beziehungen um immer alles im Blick zu haben und emotionalen Verletzungen vorzubeugen
- Impulsives Reagieren in Konflikten
Wie du die Kampf-Strategie bewusst transformieren kannst:
Wenn du dich in der Kampf-Reaktion wiedererkennst, kannst du lernen, bewusst innezuhalten, bevor du impulsiv reagierst. Lerne dich in solchen Momenten selbst zu fragen: „Bin ich im Moment wirklich in Gefahr, oder ist es wieder nur ein altes Gefühl, das gerade in mir hochkommt? Fühle ich mich in der Situation gerade Erwachsen, oder eher kindlich verletzt?“.
Auch bewusste Atemübungen können dir dabei helfen, deine sofortige innere Alarmbereitschaft erst einmal zu beruhigen und dir selbst in Ruhe diese Frage zu stellen.
2. Die Flucht-Strategie - Rückzug als Schutz
Bei der Flucht-Reaktion geht es dir darum, dich der Bedrohung schnellstmöglich zu entziehen. Sei es durch ein körperliches Verlassen einer Situation, indem du einfach gehst, oder durch deine innere Distanzierung und emotionalen Rückzug. Menschen mit dieser Schutzstrategie neigen gerne dazu Konfrontationen zu vermeiden. Dabei haben sie schon früh gelernt ihre eigenen Gefühle zu übergehen oder aber sich mit Ablenkungen zu betäuben – bspw. durch permanentes Spielen mit dem Handy, Spiele, Alkohol, etc..
Ein Beispiel:
Tom hat eine emotional sehr schwierige Kindheit hinter sich. Seine Eltern waren meistens nur mit sich selbst beschäftigt und konnten ihm wenig emotionale Sicherheit geben. Heute ist er in einer Beziehung mit Julia, die sich von Tom mehr Nähe wünschen würde. Doch sobald sie mit ihm über tiefere Gefühle und körperliche sowie emotionale Nähe sprechen will, spürt Tom sofort ein unangenehmes Ziehen in seiner Brust. Um sich selbst zu beschützen, fällt ihm dann jedes Mal wieder plötzlich ein dringendes Projekt in der Arbeit ein für das er sofort an den PC muss, oder er geht länger ins Fitnessstudio, um sich körperlich zu verausgaben, oder zieht sich still zurück und spielt mit seinem Handy. Dabei versteht er selbst nicht genau, warum es ihm so extrem schwerfällt, sich emotional zu öffnen. In diesen Momenten fühlt es sich für ihn immer so an, als müsse er einfach „weg“. Und dann ergreift er emotional und Körper die Flucht.
Menschen mit einer Flucht-Strategie haben oft schon in der Kindheit erlebt, dass Nähe oder Gefühle für sie immer schmerzhaft waren. Vielleicht war es für sie sicherer, sich innerlich zurückzuziehen, als sich einer kritischen oder überfordernden Umgebung auszusetzen, mit der sie emotional nicht umgehen konnten. So haben sie für sich die Strategie erlernt zu flüchten, bevor es weh tut.
Wie sich die Flucht-Strategie äußern kann:
- Sofortiger Rückzug aus Konflikten oder schwierigen Gesprächen
- Vermeidung von tiefen Emotionen
- Ständiges Ablenken durch Arbeit, soziale Medien oder irgendwelche Hobbys
- Das Gefühl, sich innerlich zu entkoppeln, wenn es im Außen unangenehm wird
Wie du die Flucht-Strategie bewusst transformieren kannst:
Der erste Schritt ist es jetzt, dir selbst bewusst zu machen, wann du in einer Situation bist aus der du innerlich „fliehen möchtest“. Frage dich dabei bitte: „Was macht mir gerade eine so große Angst oder was ist mir in diesem Moment so unangenehm, dass ich davonlaufen möchte?“ Versuche, in solchen Momenten in dir präsent zu bleiben und in ganz kleinen Schritten in Richtung Konfrontation zu gehen. Sei es durch offenes Zuhören oder durch das Teilen deiner eigenen Gedanken und Gefühle. Hole deine Umgebung ab und erkläre ihnen, dass du Zeit brauchst dein Verhalten zu ändern.
3. Die Erstarrungs-Strategie - Lähmung als Schutz
Die Erstarrungs-Reaktion ist eine Art Schockzustand, in dem wir uns plötzlich wie eingefroren fühlen. Anstatt zu kämpfen oder zu fliehen, bleiben unser Körper und Geist in dann einem Zustand der absoluten Unbeweglichkeit. Menschen mit dieser Schutzstrategie haben oft Schwierigkeiten, in stressigen Momenten zu handeln oder Entscheidungen zu treffen. Sie sind stattdessen wie eingefroren und starr vor Schreck.
Ein Beispiel:
Marie ist in einem Meeting und soll dort eine wichtige Präsentation halten, auf die sie sich auch sehr gut vorbereitet hat. Als sie aufsteht, um zu sprechen, spürt sie aber, wie ihr Herz rast und ihre Gedanken leer werden. Sie bekommt kaum ein Wort heraus und erstarrt förmlich vor Angst. Nach dem Meeting ist sie frustriert und böse mit sich selbst, weil sie sich nicht verständlich machen konnte, warum sie trotz all der Vorbereitung uns Übung wieder nicht in der Lage war die Präsentation zu halten. Doch in dem Moment war es für sie, als hätte ihr Körper einfach „abgeschaltet“. Sie hatte keine Möglichkeit zu agieren, weil Körper und Psyche wie eingefroren waren.
Menschen mit einer solchen Erstarrungs-Strategie haben in ihrer Vergangenheit oft Erfahrungen machen müssen, in denen sie sich absolut machtlos oder überwältigt gefühlt haben. In diesen Momenten hat ihr Nervensystem gelernt sie zu schützen, indem es in einen Zustand der Immobilität und Starre schaltet.
Wie sich die Erstarrungs-Strategie äußern kann:
- Ein Gefühl der kompletten Lähmung in stressigen Situationen
- Schwierigkeiten, in diesen Situationen klare Entscheidungen zu treffen
- Gefühl der inneren Leere oder inneren Taubheit
- Prokrastination oder Vermeidung von Herausforderungen
Wie du die Erstarrungs-Strategie bewusst transformieren kannst:
Wenn du dazu neigst, in stressigen Momenten zu erstarren, kann es dir helfen, deinen Körper sanft zu aktivieren. Etwa durch Bewegung an der frischen Luft (am besten in der Natur) oder auch durch bewusstes Atmen. Sage dir innerlich bitte: „Ich bin sicher. Ich kann handeln.“ Schon erste kleine Handlungen können dir helfen, aus deiner Erstarrung herauszukommen und langsam wieder ins selbstbestimmte ins Tun zu gelangen.
Begegne deinen Schutzstrategien immer mit Mitgefühl
Egal, ob du kämpfst, fliehst oder erstarrst. Jede dieser Reaktionen war irgendwann einmal notwendig, um dich auf diese Art selbst zu beschützen. Deshalb hast du genau diese Strategie früher für dich erlernt. Doch heute bist du kein hilfloses Kind mehr. Du kannst lernen, dich anders zu verhalten, bewusster zu reagieren und neue Wege für dich zu finden. Nämlich aus deinem gesunden Erwachsenen-Ich heraus und nicht mehr wie früher von deinem ängstlichen Kind ausgehend gesteuert.
Der Schlüssel zur Heilung liegt hierbei in deiner liebevollen Selbstbeobachtung und in der behutsamen Annahme deiner Muster. Erst wenn du erkennst, dass deine Schutzstrategien nicht dein Feind, sondern ein Teil deiner Vergangenheit sind, kannst du beginnen, sie sanft zu transformieren.
Denn du verdienst es, frei zu sein! Frei von allen alten Schutzmechanismen, die dir heute nicht mehr dienen, sondern vielmehr behindern. Und du darfst dich auf eine schöne Reise zu dir selbst begeben, auf der du Schritt für Schritt lernst, mit mehr Bewusstsein und Liebe auf dich selbst zu achten.

