Jeder Mensch hat Bedürfnisse. Doch nicht jeder nimmt sie auch wirklich bewusst wahr. Manche Menschen spüren sehr genau, wann sie eine Pause brauchen, wann sie gestresst sind oder wann sie emotionale Unterstützung brauchen. Andere hingegen sind völlig von sich selbst abgeschnitten und spüren erst dann, dass etwas nicht stimmt, wenn ihr Körper Alarm schlägt. Und sie so, auf diese oftmals schmerzhafte und sehr unbequeme Art lernen müssen sich doch wieder zu spüren und den eigenen Körper wahrzunehmen.
Warum gibt es hier so große Unterschied?
Die Fähigkeit, auf unsere individuellen Bedürfnisse zu hören und diese auch wahrzunehmen, wird schon in der Kindheit geformt. Denn Kinder lernen durch ihre Bezugspersonen, wie sie mit sich selbst umgehen dürfen. Und sie lernen von ihren Eltern wie diese mit sich umgehen und kopieren dieses Verhalten dann bis zu einem gewissen Grad. In der Psychologie sprechen wir hier vom sogenannten „Lernen am Modell“.
Menschen, die ihre Bedürfnisse gut wahrnehmen, hatten früher oft…
- Eltern, die feinfühlig auf ihre Signale reagiert haben. Wenn ein Kind beispielsweise Hunger hatte, müde war oder getröstet werden wollte, wurde es ernst genommen und bekam Zuwendung. So hat es von seinem Umfeld gelernt: „Meine Gefühle sind wichtig und werden ernst genommen. Ich darf mich auch um mich selbst kümmern und von anderen etwas brauchen.“
- Ein Umfeld, in dem Emotionen erlaubt waren. Wer als Kind weinen, wütend sein oder sich unsicher fühlen durfte, ohne dafür bestraft oder abgewertet zu werden, kann dann auch als Erwachsener besser mit eigenen Emotionen umgehen.
- Die Erfahrung, dass Selbstfürsorge kein Egoismus ist. Wenn ein Kind erlebt, dass sich auch Erwachsene um sich selbst kümmern (statt sich permanent aufzuopfern), dann wird dieses Verhalten als etwas Natürliches übernommen. Und so können diese Menschen später ihre eigenen Bedürfnisse besser wahrnehmen und Grenzen wahren.
Menschen, die ihre Bedürfnisse schlecht wahrnehmen, haben früher oft…
- Eltern gehabt, die selbst überfordert oder emotional für sie nicht erreichbar waren. Ein Kind, das gelernt hat, dass seine Bedürfnisse nur „stören“ oder nicht wichtig sind, wird diese auch selbst irgendwann ignorieren – um sich so an die eigene Umwelt anzupassen.
- Erlebt, dass nur Leistung zählt. Wer nur dann Anerkennung bekam, wenn er „brav“ oder „fleißig“ war, könnte gelernt haben: „Meine eigenen Bedürfnisse sind zweitrangig – wichtig ist nur, dass ich die Erwartungen meiner Eltern (oder anderer Bezugspersonen) erfülle.“
- Ein Umfeld gehabt, in dem ihre Emotionen abgewertet wurden. Sätze wie „Jetzt stell dich nicht so an“, „Dafür haben wir keine Zeit“ oder „Gefühle machen schwach, Leistung macht stark und unabhängig“ können dazu führen, dass ein Mensch später als Erwachsener selbst gar nicht mehr weiß, was er / sie eigentlich wirklich fühlt. Weil auch das Wissen fehlt Gefühle wahrzunehmen und diese dann auch auszudrücken.
Frühe Traumata und ihre Auswirkungen auf die Selbstfürsorge
Aber nicht alle Verletzungen aus der Kindheit sind offensichtliche Traumata. Manchmal sind es ganz „leise Wunden“ die den Betroffenen selbst meist gar nicht bewusst sind. Es sind zum Beispiel frühere Situationen, in denen wir nicht die emotionale Unterstützung bekommen haben, die wir gebraucht hätten. Und genau diese Erfahrungen prägen dann aber oftmals unser eigenes Verhältnis zu uns selbst und sitzen oft viel tiefer, als wir es ahnen. Wir denken gelernt zu haben damit umzugehen. Ohne das dabei aber jemals unsere eigene Seele gefragt zu haben. Stattdessen lernen wir unangenehme Gefühle zu verdecken und abzuwehren und stattdessen zu funktionieren und uns nichts anmerken zu lassen. Weder gegenüber der Anderen, noch uns selbst gegenüber. Wir setzen uns unsere gut einstudierte Maske auf uns switchen in den Funktionsmodus. Und je mehr wir arbeiten und für andere da sind um so besser klappt die Sache mit dem „zudecken“.
Welche frühen Erlebnisse können dazu führen, dass wir uns selbst nicht gut versorgen?
- Emotionale Vernachlässigung:
Ein Kind, das nicht gespiegelt wird („Ich sehe dich, ich verstehe dich“), entwickelt oft eine innere Leere und das Gefühl: „Ich bin nicht wichtig.“ Als Erwachsener fällt es ihnen dann meist sehr schwer, sich selbst gut zu behandeln und sich einzugestehen auch eigene emotionale Bedürfnisse zu haben.
- Parentifizierung (Wenn Kinder zu früh Verantwortung übernehmen müssen):
Wer früh für jüngere Geschwister sorgen oder die emotionale Stütze für überforderte Eltern sein musste, hat oft nicht gelernt, sich auch selbst in den Mittelpunkt zu stellen und auch einmal etwas zu brauchen. Später fällt es diesen Menschen dann sehr schwer, Pausen zu machen oder sich Unterstützung zu holen und auch einmal Aufgaben abzugeben.
- Ambivalente oder unberechenbare Bindungen:
Wenn Liebe und Anerkennung in der Kindheit unsicher waren („Mal werde ich geliebt, mal ignoriert oder bestraft“), dann entwickeln viele Betroffene ein tiefes Bedürfnis nach Kontrolle. Oft in Form von Perfektionismus, Kontrolle anderer oder auch durch eine permanente Selbstüberforderung.
- Überkritische oder bestrafende Erziehung:
Kinder, die für ihre Fehler stark kritisiert wurden, entwickeln oft ein tiefes Schamgefühl und den inneren Glaubenssatz: „Ich muss perfekt sein, sonst werde ich nicht geliebt.“ Dieser innere Druck zeigt sich später dann oft in psychosomatischen Erkrankungen wie beispielsweise Bluthochdruck oder Magen- und Darmproblemen oder Kopfschmerzen.
Warum psychosomatische Beschwerden oft ein Weckruf der Seele sind
Viele Menschen, die ihre eigenen Bedürfnisse zu lange ignorieren, bekommen irgendwann körperliche Warnsignale zu spüren. Sei es in Form von Schmerzen, chronischer Erschöpfung oder auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Warum der Körper spricht, wenn die Psyche nicht gehört wird und wie er sich dann ausdrückt – ein paar Beispiele:
- Menschen mit unterdrückten Emotionen leiden oft an Spannungskopfschmerzen oder Migräne – die Seele versucht so die Spannung nach oben hin loszuwerden.
- Wer sich selbst überfordert, bekommt oft Magen-Darm-Probleme oder Bluthochdruck – die Emotionen stauen sich immer mehr an und können nicht mehr verdaut werden. Das Ventil fehlt und es kommt zu einem inneren Druck. .
- Wer sich emotional „gefangen“ fühlt, leidet nicht selten unter Herz-Kreislauf-Beschwerden. Das Blut kommt nicht richtig ins fließen. Ebenso wenig wie die eigene Energie.
Unser Körper zwingt uns durch die Schmerzen dann zu einer Pause - wenn wir selbst es nicht tun. Die Symptome sind dann aber meist nicht nur ein schmerzhaftes körperliches Problem – sie sind vielmehr ein innerer Hilferuf. Auf den es nun gilt zu hören.
Wie die psychodynamische und schematherapeutische Sicht und dabei helfen kann
Die psychodynamische Perspektive hilft uns, die Wurzeln der eigenen Muster zu verstehen:
- Welche frühen Erfahrungen haben mich geprägt? An was kann ich mich bis heute erinnern? Was hätte ich mir damals auf emotionaler Ebene vielleicht auch von meinen Bezugspersonen gewünscht aber nicht bekommen?
- Warum wiederhole ich bestimmte destruktive Muster von damals bis heute?
- Welche unbewussten Konflikte können hinter diesen Beschwerden stecken? Wie habe ich mich damals gefühlt und wie fühle ich mich in ähnlichen Situationen heute?
Die schematherapeutische Perspektive hilft uns, diese Muster aktiv zu verändern.
- Welche Überzeugungen über mich selbst habe ich? Wie beschreibe ich mich selbst und wie glaube ich, dass mich andere sehen und was erwarten sich andere von mir?
- Wie kann ich eine neue, gesündere Denk- und Verhaltensweise entwickeln? Welche dysfunktionalen Muster und Verhaltensweisen würde ich gerne ablegen, wenn ich könnte?
- Wie kann ich lernen, auf meine eigenen Bedürfnisse zu hören, ohne dabei Schuldgefühle zu haben?
Heilung bedeutet nämlich nicht nur, Symptome loszuwerden – sondern sich selbst wieder wahrzunehmen und eigene Bedürfnisse zu spüren.
Sich selbst hören lernen – bevor der Körper es uns durch Schmerzen signalisiert
Viele von uns sind nicht daran gewöhnt, sich selbst zu fragen: „Was brauche ich selbst? Was tut mir gut und was tut mir nicht gut?“ Doch genau das ist der Schlüssel zu einem gesunden Körper und einer gesunden Seele.
Die Psychodynamik und Schematherapie helfen uns dabei, alte Wunden zu erkennen, dysfunktionale Muster zu durchbrechen und wieder eine echte Verbindung zu uns selbst aufzubauen.
Denn unser Körper wird erst dann aufhören zu schmerzen, wenn wir lernen, ihm zuzuhören.

