Mein inneres „Peitschenmännchen“ und ich

Dem eigenen „inneren Richter“ die Macht über das eigene Wohlbefinden zu geben ist auf Dauer ein hochriskantes Unterfangen, welches uns die gesamte Lebensqualität und -freude nehmen kann. Warum? Weil wir dann irgendwann nur noch funktionieren, anstatt unser Leben zu genießen. Wenn wir nämlich dazu neigen uns selbst immer nur zu akzeptieren, wenn wir auch wirklich viel Leistung bringen, dann geben wir unser Gefühl für die eigenen Bedürfnisse ab in fremde Hände. Und zwar die Hände des permanent noch mehr fordernden „Peitschenmännchens“….

Ich kenne niemanden der so streng mit mir umgeht wie ich. Jemanden anderes würde ich das auch nie erlauben, mir so viel Druck und Stress zu machen. Und permanente unzufrieden zu sein mit meiner Leistung. Obwohl ich so viel arbeite. Für mein Peitschenmännchen ist es nie genug. Das erwartet permanent noch mehr Leistung. Und noch mehr. Dieses kleine Ding braucht sichtlich nie eine Pause. Ich aber schon. Am liebsten eine ganz lange! Ohne, dass dieser unangenehme Zeitgenosse in meinem Kopf ständig mitredet und mir suggeriert, was es noch alles zu tun gibt. Warum es überhaupt nicht in Frage kommt mich endlich mal entspannt hinzulegen und auszuspannen.
Warum aber ist das so?

Wie kommen die „Peitschenmännchen“ in unsere Köpfe?

Ganz einfach. In dem wir sie viel zu spät ausspüren und sie es sich bis dahin schon gemütlich eingerichtet haben und sozusagen unsere eigene Kommandozentrale aus dem Hinterhalt heraus in ihr Eigentum gebracht haben.

Diese feindliche Übernahme beginnt meistens in unserer Kindheit. Sobald wir mit Sätzen wie „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“ konfrontiert werden welche dann direkte Unterstützung von weiteren Aussagen wie „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ bekommen. Sobald wir diese Lebensphase erreicht haben beginnt unser „Peitschenmännchen“ es sich bequem zu machen.

So bequem, dass wir vergessen es rauszuschmeißen, sobald wir die Schule erfolgreich abgeschlossen haben und von zu Hause ausziehen. Wir nehmen es fortan immer mit und geben ihm zudem immer mehr Macht. Weil wir anfangen uns selber unter Druck zu setzen und uns über die eigene Leistung zu definieren.

Darauf wurden wir ja sozusagen hingedrillt.  Je mehr Leistung wir bringen, umso mehr Freude machen wir unseren Eltern. Umso stolzer sind sie auf uns und wir erlernen das Gefühl von Anerkennung. Ein Gefühl mit extrem hohem Suchtfaktor, das dazu führt, immer noch mehr davon haben zu wollen. Ergo versuchen wir ständig mehr Leistung zu bringen in der Hoffnung dafür auch mehr Anerkennung zu bekommen.

Und schon sitzen wir in unserem eigenen Hamsterrad und lassen uns von unserem „Peitschenmännchen“ tagtäglich wieder domptieren.

Wie würde denn nun aber ein Leben ohne leistungsbezogener Anerkennung aussehen?

Mein erster Gedanke hierzu ist ganz eindeutig „leer“, um nicht zu sagen sinnlos. Warum um alles in der Welt sollte ich jeden Tag in der Früh aufstehen, wenn ich keine Aufgabe mehr habe, bei der ich Leistung bringen muss? Für wen stehe ich dann überhaupt noch auf? Da kann ich ja auch einfach liegen bleiben um den Herrgott einen guten Mann sein lassen. Wie hat mein Vater schon immer so treffend gesagt „Du stiehlst dem Herrgott den Tag, wenn du in der Früh nicht aus dem Bett kommst. Ein Zustand der früher sehr oft eintrat. Während meiner Oberstufen und Studienzeit konnte ich getrost bis mittags schlafen, ohne auch nur eine Sekunde ein schlechtes Gewissen zu haben.

Dann ist es aber irgendwann passiert… auch wenn ich beim besten Willen nicht sagen kann wann…, dass ich einen Moment nicht aufgepasst habe und mein „Peitschenmännchen“ das Kommando übernommen hat. Und seitdem alle Jahre, in denen ich selbst noch die Macht über meine Gedanken hatte, nachholen möchte. Zumindest habe ich den Eindruck. Seitdem musste ich mich nämlich wirklich dazu zwingen einmal eine Pause zu machen. Besser gesagt mir eine Pause zu erlauben.

Bis ich begonnen habe sukzessive wieder selbst die Herrschaft über meine eigenen Bedürfnisse zu übernehmen. Jetzt wird es zunehmendes besser. Mein „Peitschenmännchen“ war nämlich dermaßen gnadenlos, dass ich sogar als Psychologin sämtliche Warnzeichen übersehen habe Richtung Burnout zu gehen. Oder sagen wir besser zu laufen. So viel Anerkennung von außen kann es jedoch gar nicht geben es deshalb zuzulassen im Innen zu verbrennen.

Wie können wir unser „Peitschenmännchen“ nun also erziehen?

Ganz einfach, in dem wir ihm Grenzen setzen. Wir müssen wieder lernen die Kommandozentrale selbst zu übernehmen. Und uns regelmäßig mit unserem eigenen inneren beschäftigen. Mit unseren tief verankerten Bedürfnissen. Unserem gesunden „Kinder-Ich“. Das „Peitschenmännchen“ ist unser innerer Richter, der unser Kind permanent erziehen und in die Schranken weisen will. Je mehr ihm das gelingt, umso mehr verlieren wir uns selbst. Und brennen aus. Unser Kinder-Ich verbrennt zusehends mit. Bei jedem Brand, auch bei einem noch so kleinen, zieht es sich ganz verängstigt zurück bis es irgendwann ganz verschwindet. Als ob es uns verlassen würde. Aus unserem inneren ausziehen – sozusagen „unbekannt verzogen“. Das sollten wir aber mit aller Macht verhindern. Unser inneres Kind verwaltet nämlich unsere Kommandozentrale der Lebensqualität. Also die überaus wichtigere Kommandozentrale in unserem Leben. Aus diesem Grund sollten wir unbedingt lernen uns ganz regelmäßig diese Fragen zu stellen:

  • Wie geht es mir? (zugegeben eine durchaus banale Frage, jedoch von enormer Wichtigkeit für das eigene Wohlbefinden).
  • Muss ich das, was ich mir gerade vornehme, wirklich machen? Ist das wirklich meine Aufgabe?
  • Wo würde ich, wenn ich könnte, Grenzen setzen? Und was passiert, wenn ich das jetzt einfach mal mache?
  • Was wünscht sich mein gesundes inneres Kind in diesem Moment? Eine Pause, ein Stück Kuchen? Einen Spaziergang?
  • Wie würde ich mich jetzt gerade, in dieser Situation, entscheiden, wenn es mein „Peitschenmännchen“ nicht gäbe?

Wenn wir uns so immer wieder mit uns selbst beschäftigen und für uns und unser „Gesundes inneres Kind“ sorgen wird dem „Peitschenmännchen“ ganz schnell die Freude vergehen. Weil wir es nämlich entmachten. Von Tag zu Tag ein Stückchen mehr.

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Dr. Sabine Viktoria Schneider

Dr. Sabine Viktoria Schneider

arbeitet als psychologische Beraterin und Wirtschaftspsychologin in eigener Privatpraxis in der Stadt Salzburg und begleitet im gesamten deutschsprachigen Raum Unternehmen bei Veränderungsprozessen. Ihr Schwerpunkt ist die Schematherapie.

Hierzu schreibt sie regelmäßig Fachartikel und im Zuge ihrer Tätigkeit als Honorardozentin wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Zudem ist sie als Autorin tätig und hält Seminare und Vorträge mit dem Ziel ihren Klienten dabei zu helfen ein neues Bewusstsein zu schaffen und alte Muster loszulassen.

Dazu nutzt Schneider auch gerne die Ansätze der Mind-Body-Psychologie um so eine gesunde Symbiose aus Körper und Geist herzustellen. Ihre holistische Herangehensweise bildet hier einen interdisziplinären Ansatz aus seelischer und körperlicher Gesundheit. Eine Kombination, die heute für uns alle immer wichtiger wird.

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