Die psychogene Ataxie: Wenn die Seele den Körper aus dem Gleichgewicht bringt

Psychologie

Heute möchte ich Ihnen gerne ein besonders faszinierendes Phänomen aus dem Zusammenspiel zwischen Körper und Seele vorstellen – die sogenannte psychogene Ataxie. Dabei handelt es sich um eine sehr seltene neurologische Störung, unter der die Betroffenen, ebenso wie ihr Umfeld, massiv leiden.
Die psychogene Ataxie ist eine Störung der Bewegungskoordination, jedoch organische Ursache. Die Betroffenen fühlen sich dabei wie eingesperrt in ihrem eigenen Körper. Sie können ihre Bewegungsabläufe und häufig auch ihr Sprachzentrum nicht mehr aktiv steuern und fühlen sich wie eine Marionette gefangen im eigenen System.

Die psychogene Ataxie als psychosomatische Erkrankung

Die psychoanalytische Theorie nach Freud betrachtet unseren Körper immer als Ausdruck des Unbewussten und sieht seit vielen Jahren psychische Konflikte als mögliche Ursache für körperliche Symptome. In diesem Kontext wird auch die psychogene Ataxie oft als psychosomatische Erkrankung betrachtet. Eben als eine Krankheit ohne organischen Befund. Das bedeutet, dass unbewusste Konflikte oder traumatische Erfahrungen zu einer Störung der Bewegungskoordination führen können. Ohne dass die Ursachen hierfür neurologisch befundet werden können.

Unsere Verdrängungsmechanismen und ihre Auswirkungen

Ein zentraler Begriff in der psychoanalytischen Theorie ist die sogenannte Verdrängung. Dabei handelt es sich um einen Abwehrmechanismus, bei dem unangenehme oder traumatische Erlebnisse aus dem Bewusstsein verdrängt werden. Um uns seelisch nicht länger zu belasten. Wir drängen die Gefühle, die uns nicht gut tun, in den Hintergrund und verdecken sie. Bildlich gesprochen versuchen wir tatsächlich sie unter einer dicken Decke des Schweigens zu verstecken. Ein bisschen nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“.
Unsere Seele lässt sich jedoch nicht einfach so zudecken und so können die verdrängten Inhalte weiterhin in unserem Unbewussten wirksam sein und sich mit der Zeit in körperlichen Symptomen manifestieren. Eine verletze Seele akzeptiert es nämlich nicht, nicht geheilt zu werden. Wenn sie sich unbeachtet und nicht ernst genommen fühlt und wir zu lange zu viele Verletzungen in unserem Inneren ansammeln sucht sie sich irgendwann einen Weg durch den Körper um endlich Aufmerksamkeit zu bekommen. Und je mehr wir versucht haben sie zuzudecken, umso schmerzhafter kann sich dieser körperliche Ausweg der Seele dann anfühlen.

Bei der psychogenen Ataxie können also unbewusste Konflikte oder traumatische Erfahrungen zu einer Verdrängung von Emotionen führen, die sich dann in einer gestörten Bewegungskoordination äußern. Bei diesem Krankheitsbild haben die Betroffenen dann große Schwierigkeiten ihre eigenen Bewegungen und auch ihre Sprache zu kontrollieren und empfinden ganz häufig das Gefühl, die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren.

Die Symbolik unseres Körpers

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der psychoanalytischen Betrachtung der psychogenen Ataxie ist die Symbolik unseres Körpers. In der psychoanalytischen Theorie wird wie bereits kurz beschrieben stets angenommen, dass der Körper als Ausdruck unbewusster Konflikte oder Bedürfnisse dienen kann. Die gestörte Bewegungskoordination kann also als symbolischer Ausdruck für innere Konflikte oder unerfüllte Bedürfnisse interpretiert werden.

Haben wir uns vielleicht zu lange nicht gewehrt und wurden wir so unserem eigenen Ich untreu? Haben wir Dinge mit uns machen lassen, die uns nicht gut tun?
Haben wir zu viele Verletzungen einstecken müssen, ohne diese jemals zu verarbeiten?

All das sind mögliche Ursachen für eine psychogene Ataxie.
Wenn die Seele zu lange unbeachtet schwere emotionale Verletzungen hinnehmen muss und wir sie in ihrer freien Bewegung einschränken indem wir weder Wut noch Trauer zulassen sondern stattdessen immer nur so funktionieren wie es andere von uns erwarten – auch dann noch, wenn wir emotional massiv verletzt und nicht wertgeschätzt werden – dann kann es passieren, dass unsere Seele uns irgendwann unsere körperliche Bewegungsfreiheit nimmt. Als ob sie uns damit zeigen möchte, wie es ihr in unserem Körper nun jahrelang ergangen ist. Wenn wir uns nicht fortbewegt haben von äußeren Umständen die uns nicht gut tun und wir das nie ausgesprochen haben, uns also nie zur Wehr gesetzt haben um unsere eigene Seele zu beschützen. Dann nimmt uns unsere Seele vielleicht genau diese Möglichkeit einfach wegzugehen und uns klar auszudrücken irgendwann einfach weg. Als ob sie uns spüren lassen wollte wie es ist hilflos eingesperrt zu sein.

Psychoanalytische Behandlung der psychogenen Ataxie

Die psychoanalytische Behandlung der psychogenen Ataxie zielt nun genau darauf ab, die unbewussten Konflikte oder traumatischen Erfahrungen aufzudecken und zu verarbeiten. Durch die Arbeit mit dem eigenen Unbewussten und das Aufdecken der zugrundeliegenden verdrängten Inhalte und emotionalen Verletzungen der Vergangenheit kann so mit der Zeit vielleicht wieder eine Verbesserung der körperlichen Bewegungskoordination erreicht werden.

An dieser Stelle ist es mir jedoch noch ein persönliches Anliegen zu erwähnen, dass die psychoanalytische Sichtweise auf die psychogene Ataxie nach wie vor sehr kontrovers diskutiert wird und in dieser von mir beschriebenen Form nicht von allen Fachleuten akzeptiert wird. Es gibt auch andere Erklärungsansätze, die eine rein organische Ursache für die Störung vermuten. Der Form halber sei dies an dieser Stelle noch erwähnt.
Zudem möchte ich festhalten, dass eine organische Abklärung ausnahmslos immer am Beginn einer Behandlung stehen muss. Es wäre, wie bei allen psychosomatischen Krankheiten, unverantwortlich die Symptome auf rein psychoanalytischer Ebene zu behandeln ohne organische Ursachen tatsächlich ausschließen zu können.

Heilende Gedanken

Psychosomatische Krankheitsursachen und ihre Auflösung

Mein neues Buch "Heilende Gedanken"