Doch warum ist das so? Warum ist Psychologie keine reine Wissenschaft für Experten, sondern etwas, das unser tägliches Denken, Fühlen und Handeln bestimmt? Und warum lohnt es sich, mehr darüber zu wissen und sich dafür zu interessieren? Um diese Fragen zu beantworten, schauen wir uns jetzt einmal gemeinsam an, wie psychologische Mechanismen unser Leben beeinflussen.
Psychologie beginnt im Kopf – und bestimmt unser gesamtes Leben
Jeder von uns nimmt die Welt auf seine ganz eigene Weise wahr. Das, was wir sehen, hören und fühlen, ist nicht nur eine objektive Realität, sondern wird von unserem Gehirn auf eine ganz bestimmte Art und Weise interpretiert. Je nachdem, was wir bis zu diesem Zeitpunkt in unserem Leben schon alles erlebt haben, welche Erfahrungen wir gemacht haben, welche Muster wir zum eigenen Schutz in unserem inneren etabliert haben. Zwei Menschen können die absolut gleiche Situation völlig unterschiedlich erleben. Weil ihre jeweilige Wahrnehmung eben durch ihre individuellen Erfahrungen, Emotionen und Überzeugungen gefiltert wird. Und dementsprechend unterschiedlich können sie auch darauf reagieren. Was jedoch oftmals auch zu Missverständnissen und Konflikten führen kann, weil jeder aus seiner eigenen psychologischen Landkarte heraus beobachtet, erlebt und reagiert.
Stell dir vor, du kommst in einen Raum voller fremder Menschen. Eine Person mag sich sofort wohlfühlen, das Ganze als spannende Gelegenheit sehen, neue Kontakte zu knüpfen. Eine andere Person könnte sich im selben Raum und in derselben Situation aber extrem unwohl fühlen, das Gefühl haben, beobachtet zu werden, und sich am liebsten zurückziehen. Objektiv gesehen sind beide Menschen im selben Raum. Doch ihre individuellen psychologischen Prozesse im Hintergrund lassen sie die Situation ganz unterschiedlich erleben. Das Außen ist gleich das innen völlig unterschiedlich.
Diese, unsere, subjektive Wahrnehmung beeinflusst jeden Moment unseres Lebens unsere gesamte Existenz. Sie entscheidet darüber, wie wir uns in sozialen Situationen verhalten, wie wir mit Herausforderungen umgehen und wie wir auf die Welt blicken. Die Psychologie erklärt uns, warum wir in bestimmten Momenten ängstlich sind, warum wir uns manchmal missverstanden fühlen oder ärgern und warum es uns so schwerfällt, neue Gewohnheiten zu etablieren und alte dafür aufzugeben.
Unsere Emotionen steuern unser Verhalten
Unsere Emotionen sind dabei ein ganz zentraler Bestandteil unseres Lebens. Sie sind nicht nur spontane Reaktionen auf äußere Reize, sondern tief in uns verwurzelte Mechanismen, die unser Verhalten lenken. Uns jedoch meistens gar nicht bewusst sind. Wir handeln in ganz vielen Situationen völlig automatisch und das meist ein Leben lang so wie wir es in unserer Kindheit erlernt haben, dass es uns gut tut. Dass hierhinter häufig Verhaltensweisen stehen sie uns zwar als Kinder gedient haben im Erwachsenenalter jedoch massiv dysfunktional für uns sind nehmen wir dabei nicht wahr. Weil wir es so gelernt haben und ja auch gar keinen Grund sehen dieses Verhalten zu hinterfragen oder gar in Frage zu stellen. Warum auch? Es war ja schon immer so… Wir waren ja schon immer so….
Schauen wir uns das mal näher an
Warum kaufen wir uns zum Beispiel manchmal Dinge, die wir gar nicht brauchen? Die Erklärung dafür liegt in unserem Gehirn. Das mit Belohnungssystemen arbeitet. Ein schöner neuer Pullover oder ein Stück Schokolade aktivieren dabei unser Dopamin-System. Das ist das gleiche System, das für Glücksgefühle zuständig ist. Und uns schon sehr früh beigebracht wurde. Sind wir brav bekommen wir eine Belohnung. Sind wir traurig oder krank bekommen wir unser Lieblingsessen, und so weiter. Werbung nutzt diese psychologische Erkenntnis nun ganz gezielt, um uns so unterbewusst zu beeinflussen. Sie verbindet Produkte mit positiven Emotionen, sodass wir oft unbewusst Entscheidungen treffen, die gar nicht rational sind. Wir aber glauben, dass sie uns gut tun.
Aber nicht nur in Kaufentscheidungen spielt die Psychologie eine große Rolle. Auch in Beziehungen beeinflussen Emotionen unser Verhalten maßgeblich. Hast du dich vielleicht auch schon einmal in einem Streit ertappt, in dem du Dinge gesagt hast, die du eigentlich gar nicht so meinst? Es im Streit aber unüberlegt ausgesprochen hast. Das liegt daran, dass intensive Emotionen wie Wut oder Angst unsere rationale Denkfähigkeit immer massiv einschränken. In solchen Momenten übernimmt der emotionale Teil unseres Gehirns, das limbische System, sozusagen die Kontrolle über uns.
Ein bewusster Umgang mit Emotionen hilft uns dann, bessere Entscheidungen zu treffen. Wer also versteht, dass Emotionen nicht einfach nur zufällige Ereignisse sind, sondern tiefe psychologische Mechanismen dahinterstecken, kann lernen, sie besser zu regulieren. Und sich dadurch auch selbst besser und bewusster zu steuern.
Zwischenmenschliche Beziehungen: Warum wir uns manchmal missverstehen
Kennst du das? Du sagst etwas, doch dein Gegenüber versteht es ganz anders, als du es gemeint hast. Das passiert uns allen ja eigentlich ständig – und hat im Hintergrund natürlich auch mit unseren psychologischen Mechanismen zu tun.
Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Selbstwertschutz-Theorie. Wenn sich jemand durch eine Bemerkung kritisiert fühlt, kann es passieren, dass er oder sie überreagiert. Selbst wenn von der anderen Seite keinerlei böse Absicht dahintersteckte. Unser Gehirn ist aber darauf programmiert, unseren Selbstwert sofort zu schützen. Deshalb nehmen wir manche Aussagen persönlicher, als sie gemeint waren. Und auch hier spielen selbstverständlich wieder unsere früheren Erfahrungen mit hinein. Der sogenannte Sender der Botschaft sagt etwas aus seinen, wahrscheinlich positiven, Erfahrungswerten heraus. Der Empfänger hört es aber basierend auf wiederum seinen eigenen Erfahrungswerten, die in diesem Zusammenhang aber vielleicht negativ geprägt sind und reagiert dementsprechend impulsiv, um sich so selbst zu beschützen.
Missverständnisse entstehen zudem auch durch unsere selektiven Wahrnehmungen. Unser Gehirn verarbeitet nicht immer alle Informationen neutral, sondern filtert sie durch unsere bisherigen Erfahrungen. Wenn jemand also oft schlechte Erfahrungen mit Kritik gemacht hat, kann es passieren, dass er neutrale Bemerkungen sofort als negativ wahrnimmt.
Die Psychologie zeigt uns hier Wege, wie wir diese Missverständnisse vermeiden können. Eine ganz einfache Methode ist dabei beispielsweise die sogenannte gewaltfreie Kommunikation, bei der man Ich-Botschaften anstelle von Vorwürfen verwendet. Statt „Du hörst mir nie zu!“ könntest du zukünftig sagen: „Ich fühle mich von dir nicht wirklich verstanden, wenn ich etwas erzähle. Du hätte sehr gerne, dass du mir zuhörst ohne mich zu unterbrechen. Es ist mir wichtig, dir das zu erzählen.“ Solche kleinen Veränderungen können große Auswirkungen auf unsere Beziehungen haben. Wir wechseln vom pauschalen Angriff „Du hörst mir nie….“ Hin zu einem konstruktiven Feedback das unsere eigenen Gefühle ausdrückt „Es ist mir wichtig….“.
Wie unser Gehirn Gewohnheiten formt und wie wir sie verändern können
Jeder von uns kennt das: Der Vorsatz, gesünder zu essen, mehr Sport zu treiben oder weniger Zeit am Handy zu verbringen. Und doch fällt es uns oft so unglaublich schwer, neue Gewohnheiten umzusetzen. Aber warum ist das so? Die Vorhaben jedes Jahr zu Silvester sind für uns ja wirklich nachvollziehbar und wir nehmen uns ganz fest vor uns zu bessern und trotzdem gelingt es uns oft nicht unser Verhalten tatsächlich nachhaltig zu verändern.
Die Antwort darauf ist in Wirklichkeit Realsatire einfach und liegt in der Neuroplastizität unseres Gehirns. Unser Gehirn ist nämlich darauf programmiert, Energie zu sparen. Es bevorzugt also Routinen, weil diese weniger Denkaufwand erfordern und somit weniger Energie verbrauchen. Das erklärt auch, warum es für uns oft so schwer ist, alte Gewohnheiten zu durchbrechen.
Psychologen haben in diesem Zusammenhang herausgefunden, dass es etwa 66 Tage dauert, bis eine neue Gewohnheit fest in unser Gehirn eingebrannt ist. Andere sprechen auch von 40 Tagen. So oder so… Wer sich also wirklich eine langfristige Veränderungen wünscht, muss durchhalten. Auch wenn uns das am Anfang vielleicht oft noch schwerfällt. Ein guter Trick ist, die neuen Gewohnheiten an bestehende Routinen anzukoppeln. Wer sich also beispielsweise angewöhnen möchte, täglich mehr Wasser zu trinken, kann das mit einer bereits vorhandenen Gewohnheit verbinden. Wenn wir uns also angewöhnen täglich nach dem Zähneputzen ein Glas Wasser zu trinken, trinken wir gleich zwei Gläser täglich mehr. Eines Morgens und eines Abends. Und diejenigen von uns die dreimal täglich Zähneputzen trinken sogar drei Gläser mehr. Für diese Erweiterung eines bestehenden Rituals benötigt für unser Gehirn nicht sehr viel Energie um das Verhalten anzupassen. Deshalb wird es uns auch viel leichter fallen diese neue Gewohnheit in unseren Alltag zu etablieren.
Psychologie im Umgang mit Stress und Ängsten
Auch Stress ist in der Regel ein ganz fester Bestandteil unseres Lebens. Irgendwie ist heute doch jeder gestresst… Doch wie wir damit tatsächlich umgehen, entscheidet darüber, ob uns unser Stress krank macht oder nicht. Die Psychologie hilft uns auch hier zu verstehen, warum manche Menschen besser mit Stress umgehen können als andere.
Der Schlüssel hierfür liegt in unserer individuellen Stressbewältigungskompetenz. Menschen, die sich ihrer Stressauslöser bewusst sind und ob dessen emotional in der Lage ganz gezielte Strategien zur Entspannung einzusetzen, haben langfristig eine bessere psychische und körperliche Gesundheit. Methoden wie Achtsamkeit, Yoga oder insbesondere auch bewusste Atmung sind hierbei keine esoterischen Spielereien, sondern wirklich wissenschaftlich belegte Techniken, die nachweislich den Stresspegel senken. Wir können unseren Stress also tatsächlich weg atmen. Wir müssen nur lernen wie das geht und unser Gehirn so konditionieren, dass wir auch in Stressmomenten spontan auf diese Technik zurückgreifen können.
Auch unser Denken spielt dabei natürlich eine große Rolle. Menschen mit einer positiven Grundeinstellung erleben Stress oft weniger intensiv. Wer in seinem Leben gelernt hat, dass Herausforderungen zwar emotional anstrengend aber dennoch auch immer lösbar sind, reagiert völlig anders auf Stress als jemand, der sich als hilfloses Opfer der äußeren Umstände sieht.
Warum es sich lohnt, Psychologie zu verstehen
Die Psychologie ist wie du siehst also gar keine so abstrakte Wissenschaft. Sie ist vielmehr ein Schlüssel, um unser eigenes Leben besser zu verstehen und unser Verhalten, insbesondere das dysfunktionale, schrittweise zu verbessern. Und auch das Verhalten anderer Menschen besser zu verstehen und nachvollziehen zu können. Sie hilft uns zudem auch, bewusster mit unseren Emotionen umzugehen, unsere Beziehungen zu stärken, produktivere Gewohnheiten zu entwickeln und Stress besser zu bewältigen.
Jeder Mensch profitiert immer davon, sich mit psychologischen Mechanismen zu beschäftigen. Denn je besser wir uns selbst und andere verstehen, desto leichter fällt es uns auch, ein erfüllteres und zufriedeneres Leben zu führen.
Und das ganz besonders Schöne ist: Man muss kein Psychologe sein, um psychologische Erkenntnisse im Alltag zu nutzen. Schon kleine Veränderungen wie beispielsweise anderen bewusst zuhören, eigene Gefühle ernst nehmen und ebenso auch die der anderen erkennen und verstehen lernen, stressreduzierende Routinen etablieren. All das kann einen großen und zugleich wunderschönen Unterschied in deinem Leben machen.
Denn die Psychologie betrifft uns alle. Jeden Tag, in jedem Moment. Und je mehr wir über sie wissen, desto besser können wir unser eigenes Leben gestalten 🤓.

