Wie unser Unbewusstes unser Verhalten steuert und welche Muster sich dabei zeigen

Psychologie

Unser Leben wird von Beginn an von unendlich vielen Faktoren beeinflusst. Von unserer Erziehung, unseren Erfahrungen die wir in der Familie, im Kindergarten und in der Schule machen, unserem gesamten sozialen Umfeld. Doch oft übersehen wir dabei, dass eine der allerstärksten Kräfte in unserem Leben, die unser gesamtes Verhalten lenkt, in uns selbst verborgen liegt. Nämlich unser Unbewusstes.
Jeder von uns hält sich selbst in der Regel für ein durchaus rationales Wesen, das in der Lage ist, eigene Entscheidungen bewusst treffen. Doch die Realität sieht leider anders aus. Wir treffen einen Großteil unserer Entscheidungen nämlich nicht über unser rationales ich sondern über unser emotionales. Und ganz besonders auch über unser unbewusstes ich. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass bis zu 95 % unserer Gedanken, Gefühle und Handlungen unbewusst gesteuert werden. Das bedeutet für uns, dass ein Großteil dessen, was wir tun, ganz automatisch, also unbewusst geschieht, ohne dass wir tatsächlich darüber nachdenken. Wir machen es einfach. Bei sich immer wieder wiederholenden Dingen zudem auch auf die immer selbe Art und Weise. Ohne jemals wieder darüber nachzudenken.

Warum aber reagieren wir in bestimmten Situationen immer wieder gleich?

Und warum ziehen uns bestimmte Menschen magisch an, oder stoßen uns ab, ohne dass wir sie bis hierher von ihrem Wesen tatsächlich kennen gelernt haben? Warum wiederholen wir sogar Verhaltensweisen, von denen wir im Prinzip wissen, dass sie uns schaden? Die Antwort auf all diese Fragen liegt in den tief verankerten Muster unseres Unbewussten.
Doch was genau ist das Unbewusste? Wie beeinflusst es unser Verhalten? Und wie können wir lernen, doch bewusster mit diesen verborgenen Mustern umzugehen?

Was ist das Unbewusste und warum ist es so mächtig?

Das Konzept des Unbewussten wurde ganz maßgeblich durch den berühmten Psychoanalytiker Sigmund Freud geprägt. Er verglich dabei unsere Psyche mit einem Eisberg. Auch von unsere Psyche ragt, wie bei einem Eisberg, nur ein ganz kleiner Teil oben aus dem Wasser. Das ist unser Bewusstsein. Der weitaus größere Teil, der unter der Oberfläche liegt und weder für uns noch für andere sichtbar ist, ist unser Unbewusstes.
Heute wissen wir durch die Neurowissenschaften, dass die Ansätze von Freud stimmen und dass unser Gehirn tatsächlich viele Prozesse unbewusst steuert. Unser Bewusstsein ist immer begrenzt. Es kann nur eine bestimmte Menge an Informationen gleichzeitig verarbeiten. Deshalb übernimmt das Unbewusste viele Entscheidungen für uns, um so unsere Energie zu sparen. Da diese ja begrenzt ist. Auch die Energie unseres Gehirns. So greifen wir immer wieder unreflektiert auf unseren vergangenen Erfahrungen, Ängste und Überzeugungen zurück. Weil sich diese sozusagen in uns eingeprägt haben und unser Gehirn immer wieder diesen altbekannten Weg einschlägt, der am wenigsten Energieaufwand benötigt.
Das Unbewusste ist wie ein großer Speicher für alles, was wir je erlebt haben. Positives wie negatives. Schon in der Kindheit lernen wir, auf bestimmte Umstände auf eine bestimmte Weise zu reagieren. Und genau diese frühen Erfahrungen prägen unser Denken und Handeln. Oft ein unser ganzes Leben lang. Manche dieser Muster helfen uns auch durchaus, durch den Alltag zu navigieren. Andere können uns jedoch einschränken oder in immer wiederkehrende Probleme führen. Weil es uns ob dieser Strategie auch passieren kann, dass wir als Erwachsene auf Situationen aus unserem Kinder-Ich heraus reagieren und uns gleich trotzig oder rebellisch verhalten wie damals mit fünf Jahren. Nur, dass wir das selbst nicht wahrnehmen. Weil diese Reaktion, die in unserem Gehirn fix abgespeicherte Reaktion für diese Situation ist.

Welche Muster unser Unbewusstes steuert

Unbewusste Muster sind in uns festgelegte Reaktionsweisen, die wir über Jahre hinweg entwickelt haben. Sie sind ein Teil von uns geworden und zeigen sich in vielen Bereichen unseres Lebens:
Unsere Emotionalen Reaktionsmuster: Warum wir oft „automatisch“ fühlen
Wir alle haben emotionale Muster, die tief in uns verankert sind. Ein Beispiel: Wenn jemand als Kind erlebt hat, dass Zuwendung der Eltern oder anderer Bezugspersonen immer auch an Bedingungen geknüpft war („Ich werde nur geliebt, wenn ich gute Leistungen bringe und brav bin“), kann es leicht sein, dass diese Person auch später als Erwachsener ständig nach Anerkennung strebt und sich stets über die eigenen Leistung definiert. Und dementsprechend leistungsorientiert agiert.
Solche Muster führen dann oft zu unbewussten Ängsten und Stressreaktionen wie beispielsweise:

  • Wir fühlen uns schnell zurückgewiesen, weil wir in der Vergangenheit oft Ablehnung erfahren haben, wenn wir nicht „brav genug“ waren.
  • Wir geraten immer wieder in toxische Beziehungen, weil wir uns mit bestimmten emotionalen Dynamiken „vertraut“ fühlen.
  • Wir entwickeln starke Perfektionismus-Tendenzen, weil wir unbewusst immer das Gefühl haben, sonst nicht gut genug und nicht wertvoll genug zu sein.

All diese emotionalen Muster laufen in uns meist ein Leben lang ganz automatisch ab. Bis wir sie erkennen. Ab dann sind wir in der Lage sie zu verändern.

Beziehungsdynamiken: Warum wir immer wieder ähnliche Menschen anziehen

Hast du dich jemals gefragt, warum du dir immer wieder ähnliche Partner oder Freunde aussuchst? Unsere Bindungsmuster entstehen dabei ebenfalls schon in unserer Kindheit und beeinflussen auch ein Leben lang, wie und mit wem wir unsere Beziehungen führen.
Menschen mit einem sicheren Bindungsmuster fühlen sich in Beziehungen sehr wohl und geborgen und können Nähe zulassen. Sie haben ein stabiles Selbstwertgefühl und keine Angst verletzt zu werden.

Doch wenn wir schon früh gelernt haben, dass Beziehungen immer unsicher oder belastend sein können, kann sich im Erwachsenenalter dann eines dieser Bindungsmuster zeigen:

  • Vermeidende Bindung: Wer gelernt hat, dass emotionale Nähe auch immer mit emotionaler Verletzlichkeit verbunden ist, hält Menschen oft auf Distanz. Aus der großen Angst heraus durch Nähe wieder angreif- und verwundbar zu werden.
  • Ängstliche Bindung: Wenn wir als Kind zurückgewiesen und zu wenig geliebt wurden kann sich ein Angst-Muster in uns etabliert haben das anderen gegenüber immer wieder mit der großen Angst vor Zurückweisung reagiert und zudem nach einer ständigen Bestätigung nach Anerkennung im Außen sucht.
  • Chaotische Bindung: Wenn in der Kindheit die Gefühle von Nähe und Ablehnung ständig wechselten, kann es sein, dass wir auch als Erwachsene instabile Beziehungen führen. Weil wir nie gelernt haben echte Nähe zuzulassen da immer noch die Angst mitschwingt nicht Vertrauen zu dürfen um mit der möglichen Ablehnung die direkt auf die Nähe folgt umgehen zu können.

Auch diese Muster sind meist unbewusst in unser verankert und steuern unser eigenes Verhalten und zudem auch das, wie wir mit anderen Menschen umgehen.

Unsere Glaubenssätze: Die unsichtbaren Regeln, nach denen wir leben
Glaubenssätze sind tief in uns verankerte Überzeugungen, die unser ganzes Leben beeinflussen. Auch sie entstehen meist schon früh in unserer Kindheit und formen unser gesamtes Selbstbild und unsere Erwartungen im innen und außen.
Häufige negative Glaubenssätze sind:

  • „Ich bin nicht gut genug.“
  • „Ich darf keine Fehler machen.“
  • „Ich muss mich anderen gegenüber immer anpassen, sonst werde ich ausgeschlossen.“

Auch all diese Überzeugungen laufen stets auf unbewusster Ebene im Hintergrund unseres Denkens ab und bestimmen, wie wir uns verhalten. Wer beispielsweise glaubt, „Ich darf keine Fehler machen“, wird sich ständig selbst unter Druck setzen und sich kaum trauen, auch einmal Neues zu wagen und mutig zu sein.

Unsere Verhaltensmuster: Warum wir immer wieder gleich handeln

Kennst du auch das Gefühl, dass du in bestimmten Situationen immer „wie ferngesteuert“ reagierst?
Ein paar Beispiele:

  • Jemand kritisiert dich und du reagierst sofort mit einer Rechtfertigung, ohne erst einmal zu hinterfragen, worauf die Kritik denn eigentlich konkret beruht.
  • Du gerätst in eine für dich emotional unangenehme Situation und lenkst dich sofort mit deinem Handy oder mit Essen ab. Du deckt deine Gefühle durch Ablenkung oder essen zu.
  • Du fühlst dich schnell überfordert und vermeidest es, ein Problem aktiv anzugehen. Stattdessen weichst du dem Problem lieber aus und versteckst dich davor.

Auch das sind alles unbewusste Verhaltensmuster, die sich oft über Jahre in dir entwickelt haben. Unser Gehirn greift immer wieder unreflektiert auf diese Muster zurück, weil es sich gemerkt hat, dass sie uns in der Vergangenheit, meist in der Kindheit, einmal geholfen haben. Doch manchmal hindern sie uns leider auch ein Leben lang daran, neue, gesündere Wege zu gehen.

Wie wir unbewusste Muster erkennen und verändern können

Der erste Schritt, um deine unbewussten Muster zu verändern, ist jetzt, sie zu erkennen und aufzudecken. Dazu gibt es verschiedene Techniken:
Selbstbeobachtung: Achte bewusst darauf, in welchen Situationen du automatisch reagierst. Lerne dich selbst zu beobachten und stelle dir Fragen wie: Warum fühle ich mich gerade so? Welches Muster könnte dahinterstecken? Und welche Situation / welches Verhalten von anderen hat dieses Muster gerade ausgelöst?
Muster aufdecken: Schreibe bitte immer auf, welche wiederkehrenden Probleme in deinem Leben auftreten, sobald du es das nächste Mal wahrnimmst, wieder so ein Standard-Problem zu haben. Gibt es hier vielleicht Parallelen zu früheren Erfahrungen von dir?
Neue Glaubenssätze etablieren: Wenn du erkennst, dass ein alter Glaubenssatz wie zum Beispiel „Ich bin nicht gut genug“ dich immer noch einschränkt, kannst du fortan bitte ganz bewusst einen neuen Glaubenssatz für dich formulieren „Ich bin wertvoll, so wie ich bin“.
Achtsamkeit üben: Achtsamkeit hilft dir, automatische Reaktionen zu unterbrechen und bewusstere Entscheidungen zu treffen. Lerne dich selbst zu steuern und aus alten Automatismen auszusteigen.
Therapeutische Unterstützung: Manchmal sind Muster aber auch zu tief verwurzelt um sie alleine aufzulösen. Dann kann dir eine Therapie oder ein Coaching helfen, diese gezielt aufzudecken und aufzuarbeiten.

Mehr Bewusstsein, mehr Freiheit

Unser Unbewusstes beeinflusst unser Verhalten definitiv ein Leben lang stärker, als wir oft denken. Es speichert von unserer Kindheit an alle emotionalen Muster und früh erlernten Selbstschutzstrategien, formt unsere Beziehungen im innen und außen und bestimmt durch unsere Glaubenssätze unser Selbstbild. Und steuert außerdem auch alle unsere Handlungen.
Doch das bedeutet nicht, dass wir diesen Mustern für immer ausgeliefert sind. Ganz im Gegenteil! Sobald wir lernen bewusster hinzuschauen, können wir uns von unseren alten Prägungen lösen und unser Leben viel freier und glücklicher gestalten.
Jede Entscheidung, die wir bewusst treffen, jede neue Perspektive, die wir einnehmen, jedes Hinterfragen eines alten Musters bringt uns einen Schritt näher zu einem selbstbestimmten glücklichen Leben. Denn unsere wahre Freiheit beginnt dort, wo wir erkennen, dass wir nicht mehr länger nur von unserer Vergangenheit gesteuert werden, sondern sehr wohl die Fähigkeit ins und haben, unser eigenes Verhalten aktiv zu verändern.