Soziale Isolation

„Ich passe nirgends dazu. Keiner will mich dabei haben. Da ziehe ich mich lieber freiwillig zurück und lasse erst gar niemanden an mich heran. Dann können mich die anderen auch nicht mehr wie früher ausschließen.“

Die soziale Isolation ist ein Lebensmuster, das wir uns schon sehr früh in unserer Kindheit „zunutze“ machen, wenn wir das Gefühl haben, beziehungsweise immer wieder die Erfahrung machen müssen, eigentlich nirgends wirklich dazuzugehören. Wenn man als Kind schon bemerkt, zwar geduldet, aber nicht erwünscht zu sein – dieses flaue Gefühl im Magen, dass es allen lieber wäre, man wäre gar nicht da. Am schlimmsten ist dieses Gefühl natürlich, wenn man es bei den eigenen Eltern hat. Wenn man als Kind den Eindruck gewinnt, nicht gewollt zu sein. Dass das Leben der Eltern unkomplizierter und einfacher wäre, wenn es einen nicht gäbe. Und wenn Eltern das auch noch bewusst oder unbewusst durch Aussagen untermauern, die dem Kind immer wieder zu spüren geben, nicht gewollt zu sein.
Das können Sätze sein wie „Ohne dich hätte uns dein Vater nicht verlassen“, „Wenn ich damals nicht schwanger geworden wäre, hätte ich ganz andere Dinge aus meinem Leben machen können“, oder „Wegen dir musste ich damals mein Studium abbrechen“ oder viele andere, für Kinder unglaublich tief verletzende, Aussagen.

Und auch, wenn es Eltern vielleicht gar nicht so meinen, wie sie es sagen, sondern „einfach“ nur ihre Gedanken laut aussprechen – vielleicht sogar „nur“, um mehr Dankbarkeit von den eigenen Kindern zu bekommen, weil sie für sie Einiges aufgegeben haben – so oder so sind Kinder dadurch für den Rest ihres Lebens emotional zutiefst verletzt.

Solche Sätze kann man nie mehr wieder wirklich gutmachen. Egal, was der Beweggrund dafür war. Das Schlimme an diesen Sätzen ist, dass sie von den Eltern selbst aus ihrem eigenen verletzten Kinder-Ich heraus gemacht werden – was ihre eigenen Kinder aber wiederum selbstverständlich nicht verstehen. Gar nicht verstehen können! Erstens sind sie dafür noch viel zu klein und zweitens sind sie in diesem Moment selbst so tief verletzt, dass es ihnen ganz egal ist, warum Eltern so etwas Verletzendes zu ihnen sagen. Sie spüren in diesem Moment nur ein ganz tiefes Gefühl von innerer Leere und Unbeholfenheit – weil sie nicht wissen, was sie jetzt machen sollen. Weggehen, also das eigene Familiensystem verlassen, können sie nicht, weil sie noch von den Eltern abhängig sind. Und außerdem ist ihr allergrößter und wichtigster Herzenswunsch ja dieser, (endlich) wirklich geliebt zu werden. Und Nähe spüren zu dürfen. Und keine Ablehnung und Vorwürfe. Demnach ist die Fluchttendenz nicht sehr ausgeprägt. Im Gegensatz zu der Tendenz alles zu versuchen, um die (über)lebensnotwendige emotionale Zuwendung der eigenen Eltern zu bekommen.

Wie die Lebensfalle „Soziale Isolation“ entsteht

Und so beginnen Kinder, sollte es ihnen weiterhin nicht möglich sein diese Liebe von den Eltern und anderen wichtigen Bezugspersonen zu bekommen, eine Selbstschutz-Strategie zu entwickeln. Sie ziehen sich immer mehr zurück und gehen in eine sogenannte „soziale Isolation“. Mit dem Wissen, dass sie, wenn sie „zumachen“ wie eine Auster und niemanden mehr an sich heranlassen, auch von außen nicht mehr verletzt werden zu können.

Diese Strategie entwickelt sich in weiterer Folge jedoch zu einem lebenslangen Teufelskreis. Durch diese Verschlossenheit, die den meisten Kindern und vor allem denjenigen, die (nach außen hin) schon erwachsen sind, überhaupt nicht bewusst ist, stoßen sie dann auch andere Menschen von sich weg. Weil sie sich irgendwann nicht mehr trauen, Nähe zu suchen, da sie früher immer wieder zurückgewiesen wurden. Dieses Gefühl der Zurückweisung aber nicht mehr aushalten können und sich so, durch die Strategie des „emotionalen Zumachens“ selbst beschützen wollen.

Personen mit der Lebensfalle „Soziale Isolation“ lassen oft schon in der Schule keine anderen Kinder mehr nahe an sich heran – und auch später niemanden. Sie fühlen sich nicht gewollt und haben sich aufgrund ihrer tiefen Verletzungen so sehr in ihr Schneckenhaus zurückgezogen, dass sie darin sukzessive vereinsamen. Sehr viele Menschen erkennen dieses eigene Verhalten dann später, als Erwachsene, selbst gar nicht mehr, weil sie es ja gar nicht anders kennen. Sie sind oftmals ausgesprochen glücklich mit ihrem Eremiten-Dasein und gestalten sich ihr Leben um sich herum so, dass es ihnen gut geht. Ohne soziale Kontakte oder Freunde. Ein Leben in der Einsamkeit, für sie selbst aber dennoch zufriedenstellend. Es werden die individuellen Hobbys gelebt, wie viel Lesen, Musik hören und sich selbst kulinarisch verwöhnen – das gehört zu diesem Muster oftmals dazu. Das Leben an sich wäre so ja auch absolut okay, wenn man nicht irgendwann verlernen würde auch (zumindest) hin und wieder soziale Kontakte zuzulassen. Denn diese sind aus psychologischer Sicht so unglaublich wichtig! Jeder Mensch braucht soziale Kontakte. Ob er sich das eingestehen will oder nicht. Ein soziales Umfeld, der Austausch mit anderen, das sind wesentliche Grundbedürfnisse, die man keinesfalls dauerhaft vernachlässigen sollte. Sonst besteht die große Gefahr emotional zu vereinsamen! Was wiederum sehr negative Auswirkung auf die psychische Gesundheit eines Menschen hat. Und notfalls auch auf die physische.

Welche Verhaltensweisen zeigen die „Soziale Isolation“ am besten auf?

Der klassische Typ in der „Sozialen Isolation“ ist der geborene Workaholic. Diese Personen leben für Ihre Arbeit und holen sich daraus auch die Bestätigung. Sie sind davon überzeugt, dass sie beruflicher Erfolg unabhängiger und somit auch glücklicher macht als soziale Nähe. Was aber natürlich nicht stimmt. Jeder Mensch braucht, wie bereits ausgeführt, Nähe und Zuwendung, weil er sonst auf Dauer nicht lebensfähig ist und zusehends vereinsamt. Die Außenwelt interpretiert das dann oft mit der lapidaren Beschreibung, dass jemand „immer schwieriger und zum Eigenbrötler wird“.

Wenn man zu lange niemanden an sich heranlässt, vereinsamt die Seele ganz einfach. Ein Prozess der im Verborgenen langsam vor sich hin schreitet.

Die Seele ist ein Organ, das man leider bei keiner Gesunden-Untersuchung sieht. Weder mittels Ultraschall, noch mittels Blutbild. Unsere Seele ist „unsichtbar“. Und deshalb glauben so viele Menschen, dass Sie ganz gesund und glücklich sind, weil ja der Cholesterin-Wert absolut in Ordnung ist, sie sich relativ gesund ernähren und sogar regelmäßig Sport machen. Was also sollte einem bitte fehlen? Es ist doch alles perfekt!

Ja, das ist es… Aber nur so lange, bis die Seele sich, aufgrund ihrer Einsamkeit und Vernachlässigung, doch einmal zu erkennen gibt. Dann ist es oftmals jedoch schon fast zu spät. Dann tut es nämlich richtig weh. Auch, wenn unsere Seele immer so unscheinbar ist und viele denken, dass wir sie gar nicht wirklich haben – weil es dafür ja keinen optischen Beweis gibt – dennoch, oder gerade deshalb, ist sie unser mächtigster Weggefährte. Alles andere kann man in der heutigen Zeit mit Mitteln aus der Pharmakologie heilen. Die Seele nicht. Gut, man kann natürlich Medikamente gegen Depressionen nehmen, die dann nämlich unweigerlich auf der Tagesordnung stehen würden – wenn man „Glück“ hat, bekommt man im ersten Schritt „nur“ mal ein leichtes Burnout. Wenn man Pech hat – und das ist ebenfalls eine Form von Burnout, nämlich dann, wenn ich sogar diese ersten Warnzeichen meines Körpers (im leichten Burnout) noch immer übersehe – eine schwere Depression. Und plötzlich ist der so perfekte und erfolgreiche, sich seit Jahren über den Job definierende Topmanager nicht einmal mehr in der Lage, in der Früh aus dem Bett zu kommen um sich die Zähne zu putzen.

Weil seine Seele jetzt einfach keine Lust mehr hat, mit geputzten weißen Zähnen wieder ins Büro zu gehen. Jetzt hat sie mal zu gar nichts mehr Lust. Einfach so. Und der liebe Topmanager erfährt nun das erste Mal in seinem Leben, auf eine unglaublich schmerzhafte Art und Weise, dass es sie doch gibt, seine Seele. Er aber leider vergessen hat, ihr Aufmerksamkeit zu schenken und ihr zuzuhören. Und jetzt mag die Seele nicht mehr. Sie hat sich ja auch oft genug gemeldet – wurde aber nie erhört.

Wenn es so weit kommt, dann dauert es lange bis alles wieder gut wird. Sich mit der eigenen Seele wieder zu versöhnen, ist nämlich ein emotional und dadurch auch körperlich so anstrengender Prozess, dass es mit Sicherheit besser wäre, sich ab sofort regelmäßig um seine eigene Seele zu kümmern. Ihr zuzuhören, welche Bedürfnisse sie hat. Was Sie sich wünscht und ganz besonders auch, was sie braucht, um gesund zu bleiben. Und sich im eigenen Körper, also in ihrem zu Hause, wohl zu fühlen. Und hier gerne zu „wohnen“.

Diese eigene seelische Gesundheit gibt es jedoch in keiner Apotheke zu kaufen und auch der berufliche Erfolg ist der Seele völlig egal. Die will Liebe, Nähe und Zuwendung. Und sie will ein emotional wertvolles Miteinander. Mit anderen Lebewesen. Vordergründig mit anderen Menschen. Wir sind nämlich alle nicht dazu gemacht, ein Leben in Einsamkeit zu führen. Auch wenn manche glauben, dass dies, ob Ihrer früheren Erfahrungen, nun mal ihre Bestimmung ist. Nein, ist es nicht! Ihre Bestimmung ist es, jetzt Eigenverantwortung zu übernehmen und sich wieder zu öffnen. Und so sich selbst und anderen die Chance zu geben, endlich zu erfahren, wie es ist, wenn man Personen in der eigenen Nähe hat, denen man vertrauen kann.

Man kann schlechte Erfahrungen, egal wie schmerzhaft sie waren, nämlich nicht für immer verallgemeinern und sich deshalb selbst aufgeben. Nichts anderes würden Sie langfristig gesehen aber machen, wenn sie ein, wenn auch beruflich erfolgreiches, Leben in Einsamkeit führen.

Abschließend noch zwei Fragen

  • Über was definieren denn Sie sich, wenn Sie den Job an dieser Stelle nicht nennen dürfen? 
Oder auch mit einem Blick in die Zukunft, wenn Sie später einmal in Pension gehen?
  • Welche Definition passt hier zu Ihnen und Ihrem Leben – außerhalb des Jobs?
Wer sind SIE – als Person – ohne Ihre Arbeit und die damit verbundenen Aufgaben in den Vordergrund zu stellen?

Weitere Tipps um mit dieser und elf anderen Lebensfallen umzugehen finden Sie in meinem neuen Buch, welches im Herbst 2021 erscheinen wird. Vorbestellungen sind bereits möglich. Kontaktieren Sie mich bitte per Mail: praxis@drsabineschneider.com.

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Dr. Sabine Viktoria Schneider

Dr. Sabine Viktoria Schneider

arbeitet als psychologische Beraterin und Wirtschaftspsychologin in eigener Privatpraxis in der Stadt Salzburg und begleitet im gesamten deutschsprachigen Raum Unternehmen bei Veränderungsprozessen. Ihr Schwerpunkt ist die Schematherapie.

Hierzu schreibt sie regelmäßig Fachartikel und im Zuge ihrer Tätigkeit als Honorardozentin wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Zudem ist sie als Autorin tätig und hält Seminare und Vorträge mit dem Ziel ihren Klienten dabei zu helfen ein neues Bewusstsein zu schaffen und alte Muster loszulassen.

Dazu nutzt Schneider auch gerne die Ansätze der Mind-Body-Psychologie um so eine gesunde Symbiose aus Körper und Geist herzustellen. Ihre holistische Herangehensweise bildet hier einen interdisziplinären Ansatz aus seelischer und körperlicher Gesundheit. Eine Kombination, die heute für uns alle immer wichtiger wird.

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