Unsere eigene „Kommandozentrale“ aus der Vergangenheit

Wenn wir auf Kleinigkeiten höchstemotional oder auch impulsiv reagieren steht dahinter immer unsere eigene, über viele Jahre konditionierte, Kommandozentrale die innerhalb von Sekunden unsere Triggerpunkte steuert und unser Verhalten verändern kann. Lesen Sie in diesem Beitrag warum das so ist und ganz besonders auch was Sie fortan dagegen tun können. Wie Sie lernen, anstatt aus dem verletzte Kinder-ich zukünftig aus dem gesunden Erwachsenen-Ich heraus zu reagieren.

Ich vergleiche unser Gehirn sehr gerne mit einer Kommandozentrale aus der Vergangenheit. Einer zentrale, die sich alles gemerkt hat. Jede auch noch so kleine Verletzung und heute, wie aus dem nichts, sekundenschnell darauf zurückgreifen kann. Ganz ohne unser Zutun und in den allermeisten Fällen auch ganz ohne unser wollen.
Das sind dann die Momente, in denen wir von null auf hundert sind und uns unendlich verletzt fühlen, oder über andere ärgern können. Die Momente, in denen wir uns schlecht behandelt fühlen, auch wenn wir selbst gar nicht immer gleich sagen können warum. Wir reagieren einfach. Wie automatisiert. Als ob sich ein Schalter in unserem Gehirn umlegen würde und wir ferngesteuert werden.

Das können völlig banale Kleinigkeiten sein wie beispielsweise, dass unser Partner vergessen hat uns vom Einkaufen unsere Lieblings-Joghurt mitzubringen. Selbst wenn der Supermarkt im Nebenhaus ist und wir innerhalb von zwei Minuten unseren heißgeliebten Joghurt bekommen könnten…. Ja, selbst wenn sich unser Partner schon voller schlechtem Gewissen auf den Weg in eben diesen Supermarkt gemacht hat, ist uns das schon zu spät. Weil wir schon unendlich gekränkt sind, dass es überhaupt so weit kommen konnte unsere Wünsche und Bedürfnisse überhaupt zu vergessen.

Würde Ihnen dieses Beispiel jetzt Ihre beste Freundin, oder Ihr bester Freund, erzählen würden Sie wahrscheinlich sagen „Jetzt sei doch nicht so, das kann ja mal passieren. Er /sie wollte es ja auch sofort wieder gut machen und dir deinen Joghurt holen“. Eine Interpretation der Situation durch jemand anderes die selbstverständlich völlig legitim ist. Und auch unserem eigenen innerem gesunden Erwachsenen-Ich entsprechen würde. Wenn da nicht die vielen Verletzungen aus der Vergangenheit wären, die heute unsere Kommandozentrale über haben.

In Wirklichkeit ist das vergessene Joghurt nämlich nur ein Symptom, das Ihnen zeigt, wie viele Wunden von früher Sie noch nicht geheilt haben.

Wenn Kleinigkeiten zu Auslösern großer emotionaler Kränkungen werden können

Wann passiert so etwas? Immer dann, wenn wir mit Situationen konfrontiert sind, die uns früher einmal verletzt haben. Möglicherweise sogar sehr tief verletzt haben. Situationen in denen wir als Kinder gelernt haben, einen Selbstschutzpanzer aufzubauen um nichts und niemanden mehr an uns heranzulassen. Nicht mehr verletzlich zu sein. 
Vielleicht hatten Sie Eltern die sehr zielstrebig und ehrgeizig waren und in Ihrer Wahrnehmung den Job immer über Sie gestellt haben. Und wenn Sie dann doch endlich einmal wieder ganz gemütlich gemeinsam beim Abendessen gesessen sind und Sie sich schon so sehr auf Ihre Lieblings-Nachspeise gefreut haben, Sie wieder einmal nur zu hören bekommen, dass es sich einfach nicht ausgegangen ist extra noch einkaufen zu gehen. „Das ist doch nicht so schlimm, wir haben ja auch andere gute Sachen zu Hause. Beim nächsten Mal denke ich dann ganz bestimmt daran. Heute war einfach zu viel los im Büro“.

Das sind Kränkungen die Kinder sich „mitnehmen“ und in ihrem tiefsten inneren abspeichern. Weil sie so den Eindruck gewinnen und in ihrer eigenen kleinen Kinderwelt lernen nicht wichtig zu sein. Dass die Arbeit immer wichtiger ist und sie endlich lernen müssen das zu verstehen. Oftmals auch noch gepaart mit Sätzen wie „Wir tun das alles vordergründig auch für dich. Damit du in eine gute Schule gehen kannst und wir uns einen schönen Urlaub leisten können“. Ja…, das kann schon alles sein. Für ein kleines Kind wäre ein Becher Joghurt aber viel mehr Wertschätzung und Liebe als eine „gute“ Schule.
Und das verkennen viele Eltern. Und so entstehen erste Lebensfallen. Wie beispielsweise das Gefühl nicht wichtig genug zu sein. Neben dem Büro immer nur eine zweite Rolle einzunehmen. Was dann beim Erwachsenen dazu führen kann auf so, eigentlich banale, Situationen wie einen vergessenen Joghurt höchstemotional zu reagieren.

Wie kann man lernen mit dieser verinnerlichten Kommandozentrale besser umzugehen?

Lebensfallen haben wir im Lauf der Zeit alle viele aufgebaut. Ganz einfach aus dem Grund, weil jeder von uns bis hierher schon einige, oftmals auch schmerzhafte, Erfahrungen sammeln musste. Solange wir all‘ diese Erfahrungen nun weiterhin aus dem verletzen Kinder-Ich heraus betrachten bleiben wir in der hilflosen Kinderrolle und gehen sozusagen in die Resignation. Wir verhalten uns dann auch als Erwachsene wieder wie Kinder. Anstatt zu erlernen heute schon „groß“ genug zu sein um aus dem eigenen „Gesunden Erwachsenen Ich“ heraus zu reagieren und auch zu agieren.
Dafür sollten wir lernen uns, ganz besonders in den Situationen in denen wir die Steuerung an unsere eigenen innere Kommandozentrale abgeben, erst einmal zu überlegen:

  • Was passiert hier eigentlich gerade? Warum verletzt mich das so?
  • Ist das jetzt wirklich eine Kränkung, eine Verhalten von jemanden anderen das explizit gegen mich gerichtet ist, oder ist es eher ein Symptom, das mich zurückversetzt in meine Kindheit und ich mich dadurch sofort wieder unbeholfen und klein fühle?
  • Wie möchte ich jetzt, in diesem Moment, aus meinem Erwachsenen-Ich darauf reagieren? Was brauche ich um selbst zu lernen mittlerweile erwachsen zu sein und die Dinge selbst in die Hand nehmen zu können? Und nicht mehr traurig zusehen zu müssen, wie man auf mich vergisst.

Welche Auswirkungen hat das jetzt auf Ihr Verhalten?

Sobald Sie für sich lernen Kränkungen nicht mehr spontan und ungebremst durch die Brille des verletzten Kindes zu sehen, sondern durch die des gesunden Erwachsenen entmachten Sie Ihre Kommandozentrale von Erlebnis zu Erlebnis mehr. Aus dem ganz einfachen Grund, weil Sie so beginnen Ihre Triggerpunkte zu identifizieren und schrittweise aufzuarbeiten. Heute sind Sie nämlich in der Lage sich selbst zu beschützen. Da brauchen Sie keinen Selbstschutzpanzer mehr der sie vor Verletzungen von außen beschützt. Heute können Sie das selbst. Gemeinsam mit Ihrem eigenen gesunden Erwachsenen-ich sind Sie jetzt verantwortlich liebevoll mit ihren eigenen Bedürfnissen umzugehen. Unabhängig von allen anderen.

Teilen Sie diesen Artikel …

Ähnliche Artikel

Dr. Sabine Viktoria Schneider

Dr. Sabine Viktoria Schneider

arbeitet als psychologische Beraterin und Wirtschaftspsychologin in eigener Privatpraxis in der Stadt Salzburg und begleitet im gesamten deutschsprachigen Raum Unternehmen bei Veränderungsprozessen. Ihr Schwerpunkt ist die Schematherapie.

Hierzu schreibt sie regelmäßig Fachartikel und im Zuge ihrer Tätigkeit als Honorardozentin wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Zudem ist sie als Autorin tätig und hält Seminare und Vorträge mit dem Ziel ihren Klienten dabei zu helfen ein neues Bewusstsein zu schaffen und alte Muster loszulassen.

Dazu nutzt Schneider auch gerne die Ansätze der Mind-Body-Psychologie um so eine gesunde Symbiose aus Körper und Geist herzustellen. Ihre holistische Herangehensweise bildet hier einen interdisziplinären Ansatz aus seelischer und körperlicher Gesundheit. Eine Kombination, die heute für uns alle immer wichtiger wird.

Terminanfrage

Ich freue mich auf Sie!

Vereinbaren Sie Ihren Termin