Wenn wir uns aus Angst vor Fehlern immer mehr zurückziehen in eine sogenannte „Soziale Isolation“

Viele von uns haben schon als Kinder gelernt, dass sie keine Fehler machen dürfen. Weil sie sonst ausgelacht werden, oder durch Missachtung und mangelnde Anerkennung bestraft werden. Und das, obwohl genau die Anerkennung von außen von größter Bedeutung für den individuellen Entwicklungsprozess ist. Denn nur wenn wir die Erfahrung machen dürfen, etwas wirklich gutzumachen und dementsprechend gut zu können werden wir daran wachsen und unsere eigene Berufung erkennen. Denn wie heißt es so schön „Alles was wir gerne machen, machen wir auch richtig gut“.

Wenn wir nun aber schon als Kind immer wieder die Erfahrung machen müssen, dass es nicht darum geht etwas gerne zu machen, sondern basierend auf Pflichtbewusstsein und noch dazu alle Aufgaben die uns richtig leicht fallen als „Das ist ja keine Leistung, dafür musst du dich ja nicht mal anstrengen“ abgetan werden, verlernen wir den Fokus auf unsere Stärken zu setzen.

Weil wir so selbst auch irgendwann glauben, dass alles, was uns nicht anstrengt, nichts wert ist.

Und dann kommt auch noch die Angst vor Fehlern dazu. Die selbstverständlich unweigerlich passieren können, wenn wir etwas machen, was uns in Wirklichkeit ja gar nicht so viel Spaß macht, wie es andere Dinge täten.

So geht es auch Tobias. Einem Klienten von mir, von dem ich heute gerne eine Geschichte erzählen möchte. Sein Lebensgrundsatz lautet, dass ihm nur ja keine Fehler passieren dürfen, weil die anderen sonst denken könnten, dass er dumm sei. Ein Glaubenssatz, den er aus seiner Kindheit mitgenommen hat und der bis heute sein ganzes Leben prägt. Und auch das Leben aller Personen in seiner direkten Umgebung. Hervorgerufen durch diesen Glaubenssatz hat sich Tobias immer mehr in sich zurückgezogen und versucht immer nur noch gescheiter zu werden. Unfehlbar, ob seines enormen Wissens. Sich dadurch selbst zu schützen. Zu beschützen. Vor Außenangriffen und Verletzungen. So flüchtete er sich sukzessive in seine eigene Welt und hat sich dadurch immer mehr isoliert von jedem sozialen Umfeld. Niemand durfte mehr an ihn heran. Und genau daran haben wir im Coaching gearbeitet. An Tobias Glaubenssatz

Ich darf bloß keine Fehler machen! Sonst glauben wieder alle anderen ich bin zu dumm …

Eine Fallgeschichte aus meiner Praxis

Angst zu haben, dass andere glauben für etwas zu dumm zu sein, das hat Tobias seit seiner Zeit in der Volksschule. Und diese liegt nun doch schon mehr als 45 Jahre in der Vergangenheit. Dennoch hat ihn die Zeit von damals so geprägt, dass er sich in vielen Situationen heute noch genauso verhält wie damals als 8-jähriger kleiner Bub der von seinem Lehrer als „dumm“ hingestellt und von der ganzen Klasse ausgelacht wurde. Und das auch noch jedes Mal vorn an der Tafel. Wo er ganz alleine stehen musste und zum traurigen „Unterhaltungsprogramm“ des Lehrers und der Klasse wurde.

Natürlich wurde Tobias dann auch außerhalb des Klassenzimmers von seinen Mitschülern permanent gehänselt und sekkiert und so durch das Verhalten des Lehrers von allen als „dumm“ abgestempelt und regelrecht gemobbt.

Diese Erfahrungen haben dazu geführt, dass Tobias einen unglaublichen Ehrgeiz entwickelt hat besser zu werden als alle anderen, indem er so viel gelernt und später gearbeitet hat, dass er unangreifbar wurde, was sein Wissen angeht. Sein Ziel war es nie mehr eine Angriffsfläche für andere zu sein. Niemand durfte ihm jemals mehr eine Frage stellen, auf die er keine Antwort hat. So hat Tobias aber eigentlich auch aufgehört wirklich zu leben und „Fünfe auch mal grade“ sein zu lassen. Loszulassen und unbeschwert den Tag zu genießen. Für Tobias ist Wissen Macht – die Macht unangreifbar zu sein und nie mehr wieder als „dumm“ hingestellt werden zu können. Und um diese Macht immer weiter auszubauen, lernt er bis heute Tag ein, Tag aus, und versucht so in seinem beruflichen Bereich neben seinen Arbeitszeiten eine absolute Koryphäe zu werden. Was er schon lange ist – ich kenne niemanden der ihm auch nur noch irgendwas vormachen könnte. Ganz im Gegenteil. Für Tobias kann es aber nie Wissen genug sein – weil es zugleich seine wichtigste emotionale Absicherung ist nicht mehr verletzt zu werden. Und ja nie auch nur einen kleinen Fehler zu machen. Das ist seine allergrößte Angst, weil er denkt dann wieder von den anderen ausgelacht zu werden. Was, ob seiner Reputation in der Firma, niemals jemand auch nur ansatzweise täte. Ganz im Gegenteil. Seine Kollegen wären Tobias wahrscheinlich eher dankbar so sehen auch einmal sehen zu dürfen, dass auch Tobias „nur ein Mensch“ ist. Und auch nahbar. Bis jetzt kennen sie ihn nämlich nur als absolut unnahbar und verschlossen. Tobias hat sich als Kind damals in die „Soziale Isolation“ geflüchtet und ist in dieser bis heute geblieben. Hochintelligent und unnahbar um nie mehr wieder ausgelacht, oder als „dumm“ bezeichnet werden zu können.

Im Coaching konnten wir dann aber, trotz der anfänglichen Abwehrhaltung von Tobias, wirklich große Fortschritte machen. Nämlich indem wir gemeinsam Schritt für Schritt die Vergangenheit bearbeitet und die negativen Erfahrungen aufgelöst haben. Dazu habe ich Tobias (überredet – in diesem Fall musste ich wirklich meine „Überredungskünste“ einsetzen, weil er sich darauf sonst niemals eingelassen hätte) gebeten noch einmal in die Vergangenheit reinzuspüren und genau eine solche demütigende Situation, wie er sie in der Volksschule so oft vor der Klasse erleben musste, im Kopf durchzuspielen.

Welche Gefühle lösen diese Erinnerungen bis heute aus?

  • Wie hat sich das damals angefühlt?
  • Wo im Körper hat es besonders wehgetan?
  • Und welche Unterstützung hätte er sich in dieser Situation damals von ganzem Herzen gewünscht um nicht länger so alleine und hilflos ausgeliefert sein zu müssen – genauso hat er die Situation in seinen eigenen Worten beschrieben „hilflos ausgeliefert“.

Basierend auf den Antworten von Tobias hatten wir dann unser Fundament für das Coaching erarbeitet und konnten die alten Muster sukzessive auflösen.

Welche Verantwortung kann Tobias mittlerweile, als erwachsener Mann, für sich selbst übernehmen.

Wie möchte er fortan auf sich und seine Gefühle und Bedürfnisse aufpassen, ohne sich nur hinter Fachwissen zu verstecken, sondern auch langsam wieder aus dem „Wissens-Schneckenhaus“ herauszukommen. Jeder weiß mittlerweile, dass man ihm fachlich nichts vormachen kann, da muss er sich gar nicht mehr länger im Schneckenhaus verstecken – draußen ist die Welt ja auch viel schöner und bunter – das wurde auch Tobias langsam immer bewusster.

Und die Bewusstmachung, dass Fehler nicht bedeuten, dass jemand „dumm“ ist. Sondern, dass diese jedem von uns passieren können. Das ist nicht schlimm. Das ist ganz einfach nur menschlich. – Er selbst findet es bei anderen nämlich überhaupt nicht schlimm, wenn Fehler passieren. Weil es ja auch nicht schlimm ist! Und er heute zudem ausgesprochen wertschätzende Kollegen hat und nicht mehr verletzende Mitschüler wie früher. Auch sein Chef schätzt Tobias auf höchster Ebene – also wird auch der sich niemals so verhalten, wie sein Lehrer früher. Heute ist Tobias in einem sicheren Umfeld, das sich nichts mehr wünscht, als Tobias endlich als Mensch kennenlernen zu dürfen – und nicht nur als fehlerfreien, stets zurückgezogenen, fachlich hochversierten ungreifbaren Kollegen.

Im Coaching konnten wir das Sicherheitsgefühl und das Selbstvertrauen von Tobias nun schon ein mächtiges Stück stärken und aufbauen. Sagen wir mal so … die Fühler und die Augen blinzeln schon aus dem Schneckenhaus heraus – und der Rest von Tobias wird sich auch bald noch raustrauen. Davon bin ich überzeugt. Und in seinem tiefsten Inneren weiß und spürt das auch Tobias schon.

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Dr. Sabine Viktoria Schneider

Dr. Sabine Viktoria Schneider

arbeitet als psychologische Beraterin und Wirtschaftspsychologin in eigener Privatpraxis in der Stadt Salzburg und begleitet im gesamten deutschsprachigen Raum Unternehmen bei Veränderungsprozessen. Ihr Schwerpunkt ist die Schematherapie.

Hierzu schreibt sie regelmäßig Fachartikel und im Zuge ihrer Tätigkeit als Honorardozentin wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Zudem ist sie als Autorin tätig und hält Seminare und Vorträge mit dem Ziel ihren Klienten dabei zu helfen ein neues Bewusstsein zu schaffen und alte Muster loszulassen.

Dazu nutzt Schneider auch gerne die Ansätze der Mind-Body-Psychologie um so eine gesunde Symbiose aus Körper und Geist herzustellen. Ihre holistische Herangehensweise bildet hier einen interdisziplinären Ansatz aus seelischer und körperlicher Gesundheit. Eine Kombination, die heute für uns alle immer wichtiger wird.

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